Süddeutsche Zeitung

Industrielle Fleischproduktion:Sterben in der Schlachtfabrik

Wie werden Tiere in Deutschland industriell geschlachtet? Bei Tönnies sterben pro Tag Zehntausende Schweine. Erst werden sie mit Kohlendioxid betäubt, dann kommen sie in ein "Stechkarussell". Zu Besuch in einer Schlachtfabrik.

Von Jannis Brühl, Rheda-Wiedenbrück

Alles im grünen Bereich muss sterben. Grüner Bereich, so heißt die halbdunkle Halle, in der sich in Boxen jeweils mehrere Dutzend Schweine drängen. Grün gilt als Farbe der Landwirtschaft, und hier werden die Tiere der Bauern angeliefert. Aus Lautsprechern klingt Panflötenmusik, die Tiere sollen sich entspannen. Im Boden steckt eine Fußbodenheizung. Er ist schräg, weil Schweine gern bergauf laufen. Am Ende der Steigung wartet der CO₂-Aufzug auf sie, dann kommen ihre letzten Sekunden, bevor aus ihnen Minutensteaks werden, Nackenkoteletts oder Filetstücke.

Bis zu 28 000 Schweine sterben hier im westfälischen Rheda-Wiedenbrück jeden Tag, in den Hallen der Fleischfirma Tönnies. Es ist eine der größten Schlachtfabriken Deutschlands - und eine der wenigen, die ihre Türen öffnet. Firmenchef Clemens Tönnies führt persönlich durch den Betrieb, flankiert von seinem PR-Mann. Tönnies versucht offensiv, sich vom brutalen Image der Fleischindustrie zu distanzieren. Den Menschen, die hier arbeiten, bietet die Firma eine eigene Kita, ein Fitnessstudio, und ein eigenes Fußballstadion mit Kunstrasen. Für die Schweine ist der CO₂-Aufzug da.

Eine bewegliche Wand schiebt die Tiere durch einen Gang zum Aufzug. Damit sie sich schneller bewegen, schüttelt ein Arbeiter im weißen Polohemd eine Plastikrassel an einem langen Stiel über den Tieren.

Der Tod ist hier neonrosa. Mit einem Farbstreifen auf dem Rücken hat ein Bauer die Tiere markiert, die für die Schlachtung bestimmt sind. Sie verschwinden im Aufzug, er fährt mehrere Meter in die Tiefe. Unten in der Grube: Kohlendioxid, schwerer als Luft. Niemand sieht, wie die Tiere bewusstlos umfallen.

Tiere töten: ein 360°-Schwerpunkt

Das Schnitzel war einmal ein Kälbchen. So viel ist uns meist bewusst. Aber wie ist es eigentlich gestorben? Damit beschäftigen sich viele Menschen nicht, obwohl sie das Produkt Tier sehr schätzen: Ein Deutscher isst im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch im Jahr - die Industrie verdient hierzulande Milliarden Euro. Die Süddeutsche Zeitung hat sich dem Thema "Tiere töten" aus verschiedenen Blickwinkeln genähert: vom unüberschaubaren System der Produktion über moralische Bauern bis hin zur Frage, warum so viele Menschen kein Problem mit dem Verzehr eines Tieres - wohl aber mit seinem Tod haben.

25 unangenehme Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit

In der CO₂-Grube wird es bis zu 25 Sekunden sehr unangenehm für die Schweine. Das Kohlendioxid wird auf ihren Schleimhäuten zu Kohlensäure, und die brennt. Besonders im hochempfindlichen Rüssel. "Das ist, als würden Sie Zitronensaft ins Auge bekommen", sagt Matthias Moje, Tierarzt am Max-Rubner-Institut, einer Forschungseinrichtung des Bundes für Lebensmittel. Viele Tiere quieken, strecken die Schnauzen nach oben. Sie atmen heftig, um das Kohlendioxid aus dem Körper zu bekommen, das ihr Blut sauer macht. Vergeblich.

Neben CO₂ ist in Deutschland nur elektrische Betäubung zugelassen, um Schweine zu betäuben. Dafür müssen die Tiere von ihrer Rotte getrennt werden - und das stresst Moje zufolge die Tiere, die sich gerne zusammenrotten, noch mehr als die Sekunden im Kohlendioxid.

Schneller wirkende Alternativen zu CO₂ könnten die Edelgase Helium oder Argon sein, doch gegen beide gibt es auch Einwände. Für manche Forscher und Humanmediziner ist es Verschwendung, das langsam rar werdende Helium dieser Erde vor die Säue zu werfen, es zur Schlachtung einzusetzen. Und Argon hinterlässt "Blutpunkte" im Fleisch. Das macht es nicht ungenießbar, aber praktisch unverkäuflich.

Als der Aufzug wieder hochgefahren ist, rutschen sechs Schweine auf das Fließband, schwer und bewegungslos wie Säcke aus Fleisch. Ein Arbeiter drückt jedem von ihnen auf ein Augenlid. Zuckt es noch, ist das Tier nicht bewusstlos und wird noch einmal betäubt. Den Bewusstlosen rammt ein Arbeiter einen Metallhaken, der an einer Schiene über seinem Kopf läuft, durch das Bein. Der Haken fährt weiter, zieht das Schwein hoch, Kopf nach unten, es prallt gegen eine Metallplatte und landet bei seinen Henkern.

Die nächsten Stationen: Stechkarussell und Brühbad

An zwei parallel verlaufenden Schienen wird je ein Tier zum Stechkarussell gezogen. Rundmesser, an Schläuche montiert, rotieren um die beiden Maschinen. Die Messer, die gerade nicht im Einsatz sind, werden desinfiziert. An jedem Karussell steht ein Arbeiter: der Stecher. Er rammt jedem Tier eines der Messer in die Blutgefäße am Herz. Durch den Schlauch blutet das Schwein aus, Waagen am Fördersystem messen den Gewichtsverlust. Ist genug Blut aus dem Tier geflossen, ist es höchstwahrscheinlich tot. Noch ein Druck aufs Augenlid. Ein Schwein, das jetzt noch lebt, bekommt einen Bolzenschuss in den Kopf. Mindestens ein Dutzend stirbt hier in der Minute.

Die Zahl der Schweine, die trotz aller Betäubungsversuche noch wach sind, wenn sie gestochen werden, liegt Moje zufolge bei weniger als einem Promille. Bei 59 Millionen geschlachteten Schweinen pro Jahr in Deutschland wären das Zehntausende Tiere.

Die toten Schweine werden weitergezogen ins Brühbad. Erst 64,5 Grad, dann 60,5, dann lösen sich die Borsten aus der Haut, eine Maschine kratzt sie vom Körper.

Wie eine Geisterarmee bei der Arbeit

In der nächsten Halle riecht es nach Blut und schlimmer als in allen anderen Räumen. Hier werden die Innereien im Ganzen entfernt. Sechs Mann auf einer Plattform, sie gehen im Kreis. Mit wenigen Schnitten entfernen die Männer das Geknäuel aus Blasen und Darmwindungen in Rosa, Rot und Lila aus dem aufgeschnittenen Schweinebauch.

Die Bewegung, sagt der Pressesprecher, beuge Rückenschmerzen vor. Während des Laufens schärfen sie immer wieder ihr Messer nach. Am Geländer hängt die Ausrüstung, die hier viele mit sich herumtragen: ein kleiner Metallkorb mit einem silbernen Kettenhandschuh und Schlachtmessern. Am Rand der Plattform sammelt sich Blut und Gewebe.

Viele Zerleger tragen nur eine Farbe: weiße Hose, weiße Gummistiefel, weißes Haarnetz, viele einen weißen Mundschutz. Einer allein sieht aus wie ein Chirurg. Alle zusammen sehen aus wie eine Geisterarmee. Auf Plastikschürzen stehen mit schwarzem Filzstift ihre Namen. Boban. Popa. Sedaiu. Alle bekämen hier Mindestlohn, sagt Firmenchef Clemens Tönnies, und beim Sommerfest feiere er "feucht-fröhlich" mit den Polen und Rumänen. Die meisten der Schlachter schweigen bei der Arbeit, die meist nur aus einem Handgriff besteht. Wer drei Handgriffe macht, trägt hier offiziell den Titel "Profi". Die Arbeit ist penibel aufgeteilt, in einzelne Teile zerlegt, wie es die Schweine am Ende sein werden. Ein Knochenjob, etwas erträglicher macht ihn der Einsatz spezialisierter Technik.

Alles am Schwein ist "Rohstoff"

Wie bei den Männern, die den Nacken der Schweine durchtrennen, nachdem die Gedärme entfernt wurden. Die Köpfe der Tiere hängen immer noch nach unten. Die Arbeiter setzen die hydraulische Schere an, die sie in beiden Händen halten wie ein Gewehr. Ein Abzug mit dem Finger, die Scheren schnappen zu, über einen Schlauch von Luftdruck unterstützt. Sie durchtrennen den Nacken des Schweines, der Kopf klappt nach unten ab, dunkles Blut rinnt aus dem Genick über Stirn und Schnauze, tropft in Trichter. Das wird Blutwurst.

Fast nichts geht hier verloren, alles am Schwein ist "Rohstoff", wie man hier sagt: Der Erfolg von Tönnies liegt auch darin, dass das Unternehmen 200 Teile aus einem Schwein verwertet. Wofür sich die Deutschen zu fein sind, ist in China oft eine Delikatesse. In einer Kiste stapeln sich Schweineköpfe, abgehackt, die Augen geschlossen.

Spezialisierte Arbeiter zerteilen die Tiere in immer kleinere Teile. Roboter helfen ihnen dabei, die teilweise sogar erkennen können, wo am Schwein wie viel Fett sitzt und entsprechend das Rückgrat aus dem Tier schneiden. Geschlachtet wird bei 39 Grad, an den folgenden Stationen wird es immer kühler. Die Schweineteile müssen schnell gekühlt werden, besonders das Hackfleisch, das riesige Industrie-Fleischwölfe in drei Schritten immer feiner schneiden.

Bei einer der letzten Stationen des Prozesses wischen Frauen rote Flüssigkeit von einem Laufband, auch der Boden ist teilweise rot. Was auf den ersten Blick aussieht wie Blut ist Puszta-Soße. In ihr landet das Fleisch, bevor es verschweißt wird. Die Grillsaison hat begonnen. Die Bänder in der Schlachtfabrik laufen auf Volllast.

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Quelle:
SZ vom 01.06.2015/infu
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