Regierung erwartet geringeres Wachstum Angst vor dem Abschwung

Die Finanzkrise greift auf die Realwirtschaft über: Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung reduziert die Bundesregierung die Wachstumsprognose für 2012 auf ein Prozent. Bei Unternehmen wächst die Sorge, sich mit dem "Virus, der im Finanzsystem steckt" zu infizieren. Die Bürger geben sich dagegen überraschend gelassen.

Von Claus Hulverscheidt, Elisabeth Dostert, Mehmet Ata und Guido Bohsem

Es geht abwärts mit dem Wirtschaftswachstum in Deutschland - von einem Absturz allerdings, wie er mancherorts schon beschworen wurde, kann keine Rede sein. So zumindest sieht es die Bundesregierung, die derzeit über ihrer neuen Prognose für die Konjunkturentwicklung im kommenden Jahr brütet: Bei 1,0 oder 1,1 Prozent wird die amtliche Schätzung wohl liegen, wenn sie am Donnerstag verkündet wird - was deutlich weniger ist als die 1,8 Prozent, mit denen das Wirtschaftsministerium bisher gerechnet hat, aber ein wenig mehr als jene 0,8 Prozent, die die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute des Landes vergangene Woche für 2012 vorausgesagt haben. Im laufenden Jahr hingegen könnte die Wachstumsrate am Ende noch einmal bei fast drei Prozent landen.

Dieser Wert täuscht allerdings, denn er ist praktisch ausschließlich dem Konjunkturboom zu Jahresbeginn geschuldet. Er schuf eine so hohe Basis, dass eine wirklich schlechte Rate für das Gesamtjahr kaum mehr möglich war. Seit dem Frühjahr jedoch hat sich die Konjunktur deutlich abgekühlt, vor allem wegen der Eintrübung in anderen Teilen der Welt, aber auch wegen der Finanzkrise in Europa, die sich in Form von schlechter Stimmung auf die Realwirtschaft überträgt.

Zwar halten es Experten für möglich, dass die Unternehmen im dritten Quartal noch einmal positiv überrascht haben. Im Schlussvierteljahr ist aber sogar ein Rückgang der Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorquartal denkbar.

Interessant ist, dass sich die Bürger von der Depression auf den Finanzmärkten bisher nicht haben anstecken lassen. Laut Sparkassen- und Giroverband schätzt jeder zweite Deutsche seine eigene Finanzsituation derzeit als "sehr gut" oder "gut" ein - 2005 hatten das nur 40 Prozent von sich behauptet. Entsprechend hoch ist die Kaufbereitschaft: Zwei Drittel der Befragten wollen künftig genau so viel konsumieren wie in den letzten zwölf Monaten, zehn Prozent sogar mehr. Wegen der guten Arbeitsmarktlage steigt auch die Sparquote.

Im Maschinen- und Anlagenbau, dem größten industriellen Arbeitgeber in Deutschland, ist die Stimmung noch gut. Aber die Sorge vor einer Ansteckung mit dem "Virus, der im Finanzsystem steckt", wächst, klagt Thomas Lindner, Chef des Branchenverbands VDMA. Er hadert dabei sowohl mit der Politik, die nur an den Symptomen herumkuriere, als auch mit den Banken. Wenn sich die Geldinstitute schon untereinander nicht mehr trauten, "müssen deren Geschäftsmodelle überprüft werden". Die boomende Realwirtschaft dürfe nicht noch einmal Opfer der Finanzkrise werden.

"Nur noch ein Appendix"

Nach drei Jahren des permanenten Auf und Ab in der Geldindustrie stellt sich für den VDMA-Präsidenten mittlerweile die Grundsatzfrage: Ist die Realwirtschaft für die Banken überhaupt noch ein nennenswerter Teil des Geschäftsmodells oder "nur noch ein Appendix, der auf den letzten Seiten des Geschäftsberichts vorkommt"? Die Industrie sei aber zur Finanzierung ihres Geschäfts auf die Geldhäuser angewiesen.

Im Mittelpunkt von Lindners Kritik stehen hohe Bonuszahlungen und riskante Produkte. Von einer Zwangskapitalisierung und einer möglichen Teilverstaatlichung der Banken hält der VDMA-Chef nichts, weil er eine politische Einflussnahme befürchtet: "Ich möchte nicht, dass mir eine Bank mit Staatskapital bei der nächsten Kreditverlängerung mit der Frauenquote kommt."

Die Stimmung in seiner Branche hält Lindner derzeit noch für besser als im Herbst 2008 nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers. "Es gibt Parallelen, aber vieles ist auch anders", sagt er. "Viele Unternehmen haben in der Krise gemerkt, was sie können." Dieses Selbstbewusstsein spiegeln auch die Prognosen des VDMA wider. Für dieses Jahr erwartet der Verband unverändert einen Anstieg der Produktion um real 14 Prozent, für 2012 um vier Prozent.

Die Beschäftigungslage entwickelt sich sogar besser als angenommen: Zum Jahresende rechnet der VDMA mit einem Zuwachs um 30.000 auf 943.000 Mitarbeiter, 10.000 mehr als bisher vorausgesagt. Damit würde die Beschäftigtenzahl fast den Rekordwert des Jahres 2008 erreichen, als durchschnittlich 945.000 Menschen im deutschen Maschinen- und Anlagenbau arbeiteten.