Konjunkturaussichten Wie China die Weltwirtschaft ausbremst

Die Skyline von Shanghai: Das Wirtschaftswachstum in China fiel 2015 von 7,3 auf 6,9 Prozent.

(Foto: dpa)
  • Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt die Wachstumsperspektiven für die Weltwirtschaft sehr pessimistisch ein - vor allem, was China angeht.
  • Auch der Verfall der Rohstoffpreise, der Kurswechsel der Fed und die schwindende Investitionsbereitschaft trüben laut IWF die Konjunkturaussichten.
Von Alexander Hagelüken und Claus Hulverscheidt

Wäre der Internationale Währungsfonds (IWF) ein meteorologisches Institut, dann müsste man die Mitteilung, die er am Dienstag herausgab, wohl als dringliche Unwetterwarnung bezeichnen. Zwar gab es auch in den zurückliegenden Jahren schon Probleme, die die Weltkonjunktur belasteten - die Euro-Krise etwa. Eine solche Ballung von Risiken aber, wie sie derzeit zu beobachten ist, hat es in der 70-jährigen IWF-Geschichte selten gegeben. Gelinge es nicht, die wichtigsten Umwälzungen zu meistern, so der Fonds, "dann könnte das globale Wachstum aus der Bahn geworfen werden".

Noch kann zumindest in den Industriestaaten von einem Einbruch keine Rede sein, mancherorts, etwa in Deutschland, könnten die Zuwachsraten 2016 und 2017 mit jeweils 1,7 Prozent sogar ein klein wenig höher ausfallen als bisher erwartet. Gleichzeitig jedoch trüben sich die Konjunkturaussichten in vielen großen Schwellenländern dramatisch ein. Das gilt vor allem für China, wo sich das Wachstum laut IWF nach jahrzehntelangem Boom auf 6,3 Prozent in diesem und 6,0 Prozent im kommenden Jahr verlangsamen dürfte. Das wären die niedrigsten Werte seit 1990.

Schlechtere Prognosen auch für Brasilien, Russland und Mexiko

Aber auch andere langjährige Wachstumstreiber fallen bis auf Weiteres aus. Dem einstigen Schwellenländerstar Brasilien etwa, den massive innenpolitische Konflikte lähmen, sagte der IWF für 2016 eine tiefe Rezession mit einem Absturz des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,5 Prozent voraus. Und auch in Russland, Mexiko, Südafrika und Saudi-Arabien wird sich die Wirtschaft teils deutlich schlechter entwickeln, als bei der letzten Prognose im Oktober angenommen. Ein Grund ist unter anderem der Verfall der Rohstoffpreise, der sich in diesem Jahr fortsetzen dürfte: Allein beim Öl erwartet der Fonds einen weiteren Rückgang um fast 18 Prozent.

Billiges Öl lässt Autofahrer jubeln - noch

Nach dem Ende der Iran-Sanktionen kostet Sprit noch weniger. Ölkonzerne verschieben deshalb milliardenschwere Projekte. Das wird Folgen haben. Von Björn Finke und Jan Willmroth mehr ...

Nun könnte den Industriestaaten ein isolierter Wachstumseinbruch in den Schwellenländern trotz der Rückwirkungen auf die heimische Exportindustrie noch relativ gleichgültig sein, gäbe es da nicht zahlreiche weitere Risikofaktoren. An erster Stelle nennt der Fonds den jüngst eingeleiteten Kurswechsel der US-Notenbank Fed, die für 2016 weitere Leitzinserhöhungen plant. Dies könnte den Dollar-Wechselkurs und die Kreditzinsen nach oben treiben und damit die Bilanzen gerade der US-Unternehmen belasten. Der IWF hat deshalb seine Wachstumsprognosen für die USA in diesem und im nächsten Jahr leicht auf jeweils 2,6 Prozent zurückgenommen.

Zu den weiteren Unsicherheitsfaktoren zählt der Fonds eine mögliche plötzliche Eintrübung der weltweiten Investitionsbereitschaft, die etwa durch eine Fortsetzung der Kapriolen auf den internationalen Aktienmärkten ausgelöst werden könnte. Hinzu kommt die ungewöhnlich große Zahl politischer Brandherde und terroristischer Bedrohungen, die Handel, Tourismus und Finanzmärkte belasten könnte.

China bleibt für den IWF die größte Sorge

Größtes Sorgenkind ist und bleibt aber - ökonomisch gesehen - die Volksrepublik China. Schon seit 2011 gehen die Wachstumsraten hier Schritt für Schritt zurück, 2015 fiel das Plus mit 6,9 Prozent erneut niedriger aus als im Vorjahr (7,3 Prozent). Zwar klingen Zuwächse von fast sieben Prozent für westlichen Ohren immer noch gewaltig. Die Führung in Peking braucht diese Raten jedoch, um Unruhen zu verhindern und ihr Versprechen einzulösen, dass die Armut sinkt und ein wachsender Teil der Bevölkerung am Wohlstand teilhat.

Warum Chinas Niedrig-Wachstum uns interessieren sollte

Peking meldet mit 6,9 Prozent das niedrigste Wirtschaftswachstum seit einem Vierteljahrhundert. Für die Welt und für Deutschland könnte das dramatische Folgen haben. Analyse von Jakob Schulz mehr ...

"China befindet sich in einem fundamentalen Wandel", erklärt Mikko Huotari vom Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin. "Die alten Wachstumstreiber wie Export, Investitionen und Aufbau der Infrastruktur greifen nicht mehr." Ökonomen halten es zwar für natürlich, dass der Boom abflaut, weil China gegenüber dem Westen bereits mächtig aufgeholt hat. Auch treibt Peking den Wandel hin zu einer stärker konsum- und dienstleistungsorientierten Wirtschaftsordnung bewusst voran. Das Tempo der damit einhergehenden Konjunkturabschwächung aber ist der Regierung eindeutig zu hoch.