Minijobs in der Rente Sie sind alt und brauchen das Geld

Ein großer Teil der Senioren arbeitet, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Viele allerdings wollen sich nur etwas hinzuverdienen, etwa um die Wohnung renovieren zu können.

(Foto: Jens Woitas/dpa)
  • Immer mehr Menschen arbeiten in Deutschland auch nachdem sie in Rente gegangen sind.
  • Insgesamt 943 000 über 65-Jährige haben einen Minijob - 22 Prozent mehr als noch 2010.
  • Mehr als ein Drittel von ihnen muss arbeiten, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können; die Mehrheit jobbt aber, um sich zusätzlich etwas gönnen zu können.
Von Georg Berger und Nils Wischmeyer

Sieben Uhr, ein Morgen unter der Woche. Eigentlich könnte Dieter Müller jetzt ausgedehnt frühstücken. Seit Juni ist er Rentner. Doch Müller sitzt nicht am Küchentisch, sondern in der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit. Als er das Call-Center in München betritt, begrüßt ihn ein Kollege schon scherzhaft: "Alter Rentner, da kommst du wieder." Weil Müller sich für bestimmte Wünsche etwas dazuverdienen will, arbeitet der 64-Jährige auch nach seiner Verrentung weiter. Jeden Montag berät er deswegen acht Stunden lang Menschen zur Altersvorsorge, Lebensversicherung oder zur Riester-Rente.

Arbeiten bis zur Rente und dann ab in den wohlverdienten Ruhestand? Das war einmal. Statt sich mit ihrer Rente zur Ruhe zu setzen, arbeiten mehr und mehr deutsche Senioren auch in hohem Alter. 943 000, also knapp sechs Prozent der über 65-Jährigen, gehen dem Bundesministerium für Arbeit zufolge einem Minijob nach. Im Vergleich zu 2010 ist das ein Anstieg um mehr als 22 Prozent. Damals zählte das Ministerium noch etwas mehr als 770 000 Menschen, die trotz Rente weiterarbeiteten. Noch deutlicher wird der Trend, wenn man sich nur diejenigen anschaut, die auch mit 75 Jahren oder mehr arbeiten: Seit 2010 sind es 57 Prozent mehr Senioren, die in dem Alter einen Job haben.

Ein Gutes Drittel muss arbeiten, um über die Runden zu kommen

Der Zuwachs zeigt dem Sozialverband VdK zufolge, dass mehr und mehr Rentner nicht mit ihrer Rente auskommen. Ulrike Mascher, Präsidentin des VdK Deutschland, sagt, viele der Rentner hielten sich mit Hilfe von Minijobs finanziell über Wasser. "Die meisten tun das nicht aus Spaß oder Zeitvertreib, sondern aus finanzieller Not", sagt Mascher.

Die Zahlen aus dem Statistischen Bundesamt decken diese Aussage aber nur zum Teil. Etwas mehr als ein Drittel der Senioren arbeiten demzufolge, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die meisten Rentner kämpfen nicht um ihr Existenzminimum, sondern wollen sich etwas dazuverdienen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge sind das etwa 55 Prozent. Zu ihnen zählt sich auch Müller, der von dem zusätzlichen Geld, das er im Call-Center verdient, kleine Städtereisen machen möchte. Madrid und Leipzig stehen auf seiner Liste.

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Jobs als Makler, Handwerker oder Telefonberater

Es gibt immer mehr Möglichkeiten, sich als Rentner ein kleines Zubrot zu verdienen. Während einige bei ihrem alten Arbeitgeber bleiben, suchen andere aktiv über das Internet nach Aushilfstätigkeiten. Um die hohe Nachfrage der Rentner nach einem Minijob hat sich in den vergangenen Jahren ein eigener Markt entwickelt. Neben lokalen Angeboten haben sich insbesondere Internetportale wie Rent a Rentner (also "Miete einen Rentner"), das Deutsche Seniorenportal oder die Senioren-Börse etabliert. Die Idee ist einfach: Rentner erstellen ein Profil auf einem der Portale. Darin beschreiben sie, welche Arbeiten sie anbieten und welches Gehalt sie sich vorstellen. Einige arbeiten umsonst, andere verlangen einen Stundenlohn. Gesucht werden sie für fast jede Lebenslage: als Immobilienmakler, Handwerker, Banker, Babysitter, Fahrer oder eben auch als Telefonberater. Je nach Angebot werden die Senioren dann für einige Stunden, für einen Auftrag oder eben auf 450-Euro-Basis angestellt.

Lutz Nocinski, der Gründer von Rent a Rentner, sieht in der Vermittlung einen wachsenden Markt. Offizielle Zahlen, wie viele Nutzer sich monatlich registrieren, will er noch nicht herausgeben. Er gibt aber an, das Portal wachse jährlich um knapp 30 Prozent. Finanziert wird es zurzeit von Nocinski selbst. Werbung gibt es auf der Seite noch nicht, auch auf Provisionen verzichtet er. Erst wenn das Portal groß genug sei, wolle er sich um eine Finanzierung und ein tragendes Geschäftsmodell kümmern. Andere Anbieter, wie das deutsche Seniorenportal schalten bereits Werbung. Nocinski sieht zwei wichtige Entwicklungen, die das Wachstum der Branche auch in den kommenden Jahren garantieren soll: Altersarmut und demografischer Wandel. Bei sinkenden Renten müssten sich einige Menschen im Ruhestand noch etwas dazuverdienen. "Das wird in Zukunft eher häufiger als seltener der Fall sein", sagt er. Gleichzeitig gebe es aber auch viele Rentner, die weiterarbeiten, weil sie wollen. Das hätten Umfragen unter den Mitgliedern ergeben. Diese Rentner wollen Nocinski zufolge in erster Linie ihr Wissen weitergeben oder Kontakt zu Menschen halten.

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Dass es viele Rentner gibt, die arbeiten wollen, davon ist auch Holger Schäfer überzeugt. Er ist Arbeitsmarktexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Er verweist darauf, dass viele Rentner gar keinen Minijob ausüben, sondern als Freiberufler tätig sind. Dazu gehörten etwa Ärzte, Anwälte oder auch Berater. Diese seien in den offiziellen Statistiken oft nicht aufgeführt, da sie mehr als 450 Euro verdienten. "Das sind oft Hochqualifizierte, die sich fit fühlen und aus Spaß weiterarbeiten", sagt Schäfer.

Viele Unternehmen sind auf die älteren Experten angewiesen

Einer dieser Rentner ist Franz Hartmann. Nach 20 Jahren als Leiter einer Klinik in Frankfurt hilft er auch als Pensionär noch aus. Zweimal die Woche arbeitet der 67-Jährige von acht bis 20 Uhr in einer Klink. Nebenbei ist er seit seinem Ruhestand bei einer Unternehmensberatung und im Vorstand seines Fachverbandes tätig. "Meine Frau sagt, ich würde im Ruhestand mehr arbeiten als vorher", sagt Hartmann. Das sei natürlich übertrieben. Doch warum arbeitet er überhaupt? Geld habe er genug, natürlich könne er auch seinen Ruhestand genießen, sagt Hartmann. "Aber ich habe viele Patienten, die mich immer noch brauchen", glaubt er. Über die Jahre habe er zu vielen eine teils enge Bindung entwickelt. Zudem war und ist er ein gefragter Experte auf dem Gebiet der chronischen Darmerkrankung, eine Spezialisierung, die unter Ärzten eher selten ist. Dementsprechend gefragt ist sein Wissen bei den Kollegen wie auch beim Nachwuchs in der Klinik. Er sagt: "Solange ich niemandem seinen Job wegnehme, finde ich es sehr gut, weiterzuarbeiten."

Dass sie anderen die Arbeitsplätze klauen, darum müssen sich Hartmann und viele arbeitende Rentner wohl keine Sorgen machen, in Deutschland sind Hunderttausende Stellen für Fachkräfte offen. Aus Unternehmenssicht sei es daher sinnvoll, ältere Arbeitnehmer so lange wie möglich zu halten, glaubt Stefan Hardege, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Industrie-und Handelskammertags. Diese könnten firmenspezifisches Wissen an ihre jungen Kollegen weitergeben. Altersgemischte Teams seien dafür eine gute Möglichkeit.

Damit hat auch Dieter Müller gute Erfahrung gemacht. Die jungen Kollegen regten sich häufig über Kleinigkeiten auf - "wir strahlen Gelassenheit aus", sagt er. Und für den Scherz des Kollegen vom Morgen, revanchiert er sich. Wenn er an einem Montag Feierabend macht, steht er auf und wünscht allen ein schönes Wochenende.