Wohlstand der Mittelklasse Kanada überholt die USA

Graffito in der Stadt Detroit, die insolvent ist: Armut in den USA nimmt zu

(Foto: AFP)

Oh, Amerika! Die größte Wirtschaftsnation hat die reichste Mittelklasse - hieß es bislang. Nun sehen Ökonomen Kanada vorne, weil in den USA nur noch die Reichen reicher werden. Auch in Deutschland sieht es nicht gut aus.

Bisher galt Amerikas Mittelklasse als bestverdienende der Welt. Nun zeigt eine neue Auswertung, dass die USA diesen Spitzenplatz an Kanada abgeben müssen. Das haben Ökonomen mit der Luxembourg Income Study Database für die New York Times ausgerechnet.

Die Wissenschaftler haben die Einkommen in verschiedenen Ländern verglichen - und zwar sortiert nach Lohnhöhe. Die untersten fünf Prozent in den USA schneiden dabei besonders schlecht ab. Sie haben sogar weniger Geld zur Verfügung als im Jahr 1980. Die reichsten fünf Prozent der Amerikaner sind dagegegen viel reicher geworden - und haben ihre Führung an der Weltspitze noch weiter ausgebaut.

Die Ökonomen haben besonders auf das Medianeinkommen geschaut. Der Median ist eine statistische Kenngröße und trennt die Einkommen genau in der Hälfte - fünfzig Prozent der Menschen verdienen mehr, fünfzig Prozent weniger. Der Median zeigt also genau die Mitte der Mittelschicht.

Der US-Wert dafür lag 2010 bei 18 700 Dollar. Die Zahl bezieht sich allerdings auf Bewohner je Haushalt. Ein Vier-Personen-Haushalt kommt so also auf fast 75 000 Dollar Jahreseinkommen nach Steuern. Durch diese etwas kontraintuitive Umrechnung können Einkommen leichter verglichen werden, denn die zugrunde liegenden Daten werden durch Umfragen in Haushalten gesammelt (mehr zur Methodik hier).

Das Medianeinkommen ist in den Vereinigten Staaten seit 2000 praktisch nicht mehr gestiegen, wenn man die Inflation und damit die tatsächliche Kaufkraft berücksichtigt. In vielen anderen Industriestaaten ist dieser Wert im gleichen Zeitraum deutlich gewachsen, die Mittelklasse ist also reicher geworden: beispielsweise in Kanda und Großbritannien um fast zwanzig Prozent. Die Kanadier haben damit 2010 ebenfalls einen Median von 18 700 Dollar erreicht - und es ist davon auszugehen, dass der Wert seitdem weiter gestiegen ist. Damit hat der nördliche Nachbar die USA mittlerweile überholt.

Auch in einem anderen Land hat die Mittelklasse den Daten zufolge kaum dazugewonnen: Deutschland. Hier stieg ihr Einkommen zwischen 2000 und 2010 nur um 1,4 Prozent. Im Nachbarland Niederlande waren es dagegen rund 14 Prozent.

Die New York Times berücksichtigt in ihrer Auswertung allerdings nicht die Daten von Luxemburg*, sondern beschränkt sich auf große Flächenstaaten. Luxemburgs Median lag 2010 bei rund 24 000 Dollar und damit deutlich über dem von Kanada (hier alle Daten als XLS-Datei). Über Singapur, den Stadtstaat mit der höchsten Millionärsdichte der Welt, haben die Forscher keine entsprechenden Informationen gesammelt. Für die Schweiz gibt es ebenfalls keine Daten für 2010.

Die New York Times hat die Einkommensentwicklung ausgewählter Länder in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

*Anmerkung der Redaktion: Absatz zu Luxemburg um 20.31 Uhr ergänzt.