Umstrittener Online-Händler Aufstand gegen Amazon

Streik bei Amazon in Graben in Augsburg

Erstmals streiken 1800 Beschäftigte des Versandriesen Amazon an drei Standorten gleichzeitig. Sie kämpfen für einen Tarifvertrag und bessere Arbeitsbedingungen. Und das ausgerechnet kurz vor Weihnachten - der besten Zeit für Moralfragen.

Von Max Hägler

Pünktlich zur Zeit der Weihnachtsgeschenke also die Moralfrage: Darf ich bei Online-Händlern einkaufen und gerade bei diesem total bequemen Marktführer Amazon? Liegen dort doch zwischen Geschenkauswahl und -bestellung gefühlt nur zehn Sekunden - die "One-Click"-Funktion macht's möglich.

Aber zu welchem Preis, fragen jetzt Gewerkschaften und Kirchen? Am Montag begannen an deutschen Standorten und sogar vor der Amazon-Konzernzentrale in Seattle Protestaktionen, die teils bis Freitag andauern sollen. Seit Jahren schon kämpft vor allem die Gewerkschaft Verdi beim weltgrößten Internet-Versandhändler um höhere Löhne und tarifliche Regelungen, wie sie im Einzelhandel gelten.

Doch der Konzern des US-Milliardärs Jeff Bezos will es halten wie in den USA: Bezahlt wird nur, wie es in der vergleichsweise schlechter gestellten Logistikbranche üblich ist. Das bestellte Geschenk aus dem Hochregal ziehen, aufs Förderband legen, verpacken und abschicken Richtung Gabentisch, das ungefähr ist der Aufgabenumfang der Mitarbeiter. Und das habe nichts mit Beratung oder Einzelhandel zu tun, sondern eben nur mit Logistik, heißt es bei Amazon. Mit 9 Euro und 55 Cent als Einstiegslohn lägen die Amazon-Mitarbeiter zudem am oberen Ende der Verdienstskala der deutschen Logistik-Industrie.

Das bestellte Geschenk aus dem Hochregal ziehen, aufs Förderband legen, verpacken und abschicken Richtung Gabentisch.

Die Verdi-Vorstandsfrau Stefanie Nutzenberger sagt dagegen: "Das System Amazon ist geprägt von niedrigen Löhnen, permanentem Leistungsdruck und befristeten Arbeitsverhältnissen." Gut 1100 der 23 000 deutschen Amazon-Mitarbeiter beteiligten sich nach Angaben von Amazon am Montag an den Standorten Bad Hersfeld, Leipzig und erstmals auch in Graben bei Augsburg. Dorthin zum schwäbischen Lager war auch Diözesanpräses Erwin Helmer von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung gekommen. "An der Oberfläche hat sich bei Amazon manches verbessert, es gibt etwa höhere Löhne und ein kleines Weihnachtsgeld", sagte er, während im Hintergrund Trillerpfeifen zu hören waren. "Aber einen sicheren Tarifvertrag gibt es immer noch nicht, und der psychische Druck durch Vorgesetzte ist weiter enorm." Sobald ein Lagerarbeiter einige Minuten stehe, werde er angesprochen.

Alles werde gemessen und überwacht. Angesichts des Drucks sei die Teilnehmerzahl sehr ordentlich: "Es gibt viele, die den Mut gefasst haben, aber natürlich trauen sich etwa Alleinerziehende, die auf jeden Cent angewiesen sind, weniger Protest zu."

Deutscher Protest in den USA

Vor dem Hauptquartier in Seattle spannten deutsche Gewerkschafter begleitet von US-Arbeitnehmervertretern am Montagvormittag (Ortszeit) ein Banner: "Work hard, make history: Tarifvertrag für Amazon!" Es war das erste Mal, dass Verdi im Ausland für ein deutsches Anliegen kämpft, das aber doch auch ein weltumspannendes ist, wie Philip Jennings, Generalsekretär des Gewerkschafts-Weltverbandes Uni Global Union erklärte: "Ihr seid nicht allein", sagte Jennings und nutzte den deutschen Vorstoß aus. Amazon müsse seine gewerkschaftsfeindliche Haltung überdenken - in den USA etwa scheiterten Arbeitnehmerproteste bei Amazon zuletzt: "Wir fordern das Unternehmen auf, ein weltweit gültiges Abkommen über Mitarbeiterrechte zu unterzeichnen."

Massive, unangenehme Vorwürfe für das Unternehmen, wenn es auch abwiegelt und eine weiter zuverlässige Zustellung verspricht: Ausländische Standorte würden aushelfen, und im Übrigen sei die große Mehrheit der Belegschaft zum Dienst erschienen. Aber es ist auch unangenehm für die Kunden, die trotz der Beschwichtigungen fürchten, das einige der liebevoll ausgewählten Versandhandelsgeschenke nicht rechtzeitig unter den Baum kommen. Und dann sind eben einige ins Nachdenken gekommen: Kann ich da noch einkaufen?