Übernahme-Kampf um französischen Konzern Siemens bietet Alstom den ICE an

Ein Siemens-Mitarbeiter beklebt einen ICE. Möglicherweise werden diesen Arbeitsschritt künftig französische Techniker übernehmen.

(Foto: Siemens press picture)

Spannung im Übernahmekampf um Alstom: Nach SZ-Informationen ist Siemens bereit, seine Transportsparte gegen die Energiesparte der Franzosen einzutauschen. Damit würde der Münchner Konzern den Bau von ICE-Zügen nach Frankreich abgeben.

Siemens ist auf Bitten der französische Regierung bereit, wichtige Teile des französischen Technologieunternehmens Alstom zu übernehmen und damit den Einstieg des US-Rivalen General Electric zu verhindern.

Siemens-Chef Joe Kaeser hat nach Informationen der Süddeutschen Zeitung in einem Brief an den Vorstandsvorsitzenden von Alstom, Patrick Kron, einen Tausch vorgeschlagen: Siemens soll die Energiesparte von Alstom übernehmen, Alstom dafür einen Teil der Transportsektion von Siemens. Damit würde Siemens die Produktion von Hochgeschwindigkeitszügen wie den ICE in französische Hände geben.

In dem Brief, über den zuerst die französische Zeitung Le Figaro berichtet hatte, schlägt Kaeser dem Franzosen vor, seiner Firma die Hälfte der Siemens-Transportsparte - darunter die Fertigung von Hochgeschwindigkeitszügen und Lokomotiven - zu verkaufen. Im Gegenzug würde Siemens die Energie-Sektion von Alstom übernehmen.

GE könnte aus dem Spiel sein

Durch das von Siemens angebotene Geschäft könnten "zwei starke europäische Champions" geschaffen werden, schreibt Kaeser - und der mächtige Siemens-Rivale General Electric (GE) wäre aus dem Spiel. Der US-Mischkonzern hatte Interesse an der Übernahme der Alstom-Energiesparte signalisiert, die etwa 70 Prozent der Aktivitäten des französischen Konzerns ausmacht und etwa neun Milliarden Euro einbringen könnte.

Bei dem Geschäft wäre Siemens nach SZ-Informationen zu weitreichenden Zugeständnissen bereit, unter anderem zu einer mehrjährigen Job-Garantie für die Mitarbeiter von Alstom. "Wir verpflichten uns, innerhalb der drei Jahre nach Abschluss des Geschäfts keine Mitarbeiter in Frankreich zu entlassen", schreibt Kaeser. "Siemens ist davon überzeugt, dass die erwogene Transaktion ohne soziale Auswirkungen für beide Konzerne durchgeführt werden kann, so wie es für verantwortlich geführte europäische Unternehmen üblich ist."

Alstom liefert, anders als Siemens, auch Technik für Kernkraftwerke. Kaeser ist auch in diesem Bereich zu Kompromissen bereit. "Da Siemens sich der Bedeutung der Nukleartechnik für Frankreich voll bewusst ist", sei das Unternehmen bereit, mit Alstom und allen Beteiligten "passende Lösungen" zu diskutieren, die die Interessen Frankreichs auf diesem Feld sichern.

Erste Gespräche über einen Einstieg von Siemens gab es offenbar bereits im Februar. Als in der Branche ruchbar wurde, dass Alstom mit General Electric verhandelt, trafen sich Kaeser und Kron am 10. Februar zu einem kurzen Vier-Augen-Gespräch in Paris. Der Siemens-Chef wollte über ein Zusammenrücken der Europäer reden, Kron zeigte aber wenig Interesse.

Ein Siemens-Sprecher wollte den Bericht nicht kommentieren. Er verwies auf eine offizielle Stellungnahme vom Sonntagvormittag. In dieser heißt es, Siemens habe der Alstom-Führung "Gesprächsbereitschaft über strategische Fragen zukünftiger Zusammenarbeit bekundet".

"Keine hektischen Entscheidungen"

Die französische Regierung bestätigte am Sonntag, dass sowohl GE als auch Siemens an Alstom interessiert seien. Der französische Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg sagte, er habe vom Interesse der Amerikaner am vergangenen Donnerstag erfahren und vom Interesse Siemens am Sonntag. Die Regierung werde in der Angelegenheit allerdings keine hektischen Entscheidungen akzeptieren, sagte Montebourg.

Der geplante Deal mit GE hatte die französische Regierung alarmiert. Alstom ist extrem abhängig von staatlichen Aufträgen, der Konzern stellt unter anderem die TGV-Hochgeschwindigkeitszüge für die Staatsbahn SNCF her und beliefert den Kraftwerksbetreiber EdF.

Alstom war bereits 2004 in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und vom Staat gerettet worden. Damals war in den Verhandlungen mit EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti bereits ein Verkauf der Energiesparte an Siemens erwogen worden. Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy sorgte jedoch dafür, dass ein solcher Deal nicht zustande kam.