Troika-Bericht geleakt Die wahren Schulden von Athen

Obwohl sie dieses Papier gelesen hatten, gaben die Euro-Finanzminister das neue Rettungspaket frei: Ein streng vertraulicher Troika-Bericht spielt verschiedene Szenarien durch, wie sich die Schuldenkrise in Griechenland entwickeln könnte. Jetzt ist der Bericht öffentlich geworden und zeigt, dass Athens Schulden die Europäer noch viel mehr kosten könnten, als bislang angenommen.

Von Christoph Giesen

Viele Experten haben versucht die finanziellen Probleme Griechenlands in Zahlen zu fassen. Doch keine Gruppe hat ein stärkeres Interesse und mehr Möglichkeiten, die Daten des griechischen Haushalts richtig zu bewerten als die Troika: Die Analysten des Internationalen Währungsfonds, der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank schufen mit ihrem Urteil die Grundlage dafür, dass die Euro-Finanzminister jetzt Athen Hilfsgelder in Höhe von 130 Milliarden Euro freigegeben haben.

Ihr Report ist "streng vertraulich", so steht es auf allen neun Seiten des Berichts. Details wurden schon in den letzten Tagen bekannt, doch nun ist er komplett im Netz aufgetaucht. Der Bericht ist eine Prognose des wirtschaftlichen Niedergangs und zeigt, dass Griechenlands Wirtschaft weitaus stärker strauchelt als bislang angenommen.

Gleich im zweiten Satz des Reports kommen die Troika-Ökonomen auf den Punkt: Griechenland habe sich sowohl unter Wachstums- als auch Defizitgesichtspunkten enttäuschend entwickelt. Die griechische Wirtschaft sei um sechs Prozent geschrumpft, noch vor ein paar Monaten war man in einem Worst-Case-Szenario von einem Rückgang von höchstens 5,5 Prozent ausgegangen. Außerdem, schreiben die Analysten, habe sich in den vergangenen Monaten der wirtschaftliche Ausblick für den Euroraum insgesamt verschlechtert.

In ihrem Bericht entwerfen die Troika-Ökonomen zwei Szenarien für Griechenlands Schuldenentwicklung. Das sogenannte Baseline-Szenario prognostiziert für das Jahr 2020 eine Staatsverschuldung in Höhe von 129 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Europas Staats- und Regierungschefs hatten eigentlich eine Schuldenratio von höchstens 120 Prozent bis 2020 angepeilt. Wegen der derzeit schrumpfenden Wirtschaft könnte laut Baseline-Szenario die Staatsverschuldung im Jahr 2013 zunächst einmal sogar auf 168 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung steigen, rechnen die Troika-Ökonomen vor.

Laut Report benötigen Griechenlands Banken 50 Milliarden Euro zur Rekapitalisierung, zehn Milliarden mehr als noch vor ein paar Monaten angenommen. Und auch die geplante Privatisierung der griechischen Wirtschaft wird bis 2020 nicht die gewünschten Effekte haben. Statt einer Budgetersparnis von 46 Milliarden seien bloß zehn Milliarden Euro zu erzielen.

Die Konsequenz: Zwischen 2012 und 2014 benötigt Griechenland etwa 170 Milliarden Euro. Von 2015 an bis 2020 kommen wahrscheinlich weitere 50 Milliarden Euro hinzu. Die Dienstagnacht beschlossenen Hilfsleistungen von 130 Milliarden Euro dürften also nicht ausreichen, um eine Staatspleite zu verhindern.

Worst Case: noch mehr Schulden als jetzt

In einem zweiten Szenario kommt die Troika zu einer noch verheerenderen Prognose. Wenn die Strukturreformen in Griechenland zu spät greifen sollten und die Wirtschaft zu spät anspringt, könnte 2020 die Staatsverschuldung 159 Prozent der griechischen Jahreswirtschaftsleistung betragen, 39 Prozentpunkte höher als die Zielvorgaben aus Brüssel.

Demnach stiegen bis 2015 die Schulden auf 178 Prozent des Bruttosozialprodukts. Griechenland bräuchte dann bis 2020 eine finanzielle Unterstützung in Höhe von etwa 245 Milliarden Euro.

Linktipp: Der Reuters-Blogger Felix Salmon hat auf die Uhr geschaut, wer wann was über die Schuldenanalyse postete und wie sich die Berichterstattung durch solche Leaks ändern könnte.