Treffen von Schäuble und US-Finanzminister Lew Duell der Meister

US-Finanzminister Jack Lew und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nach ihrem Treffen in Berlin

Eisernes Sparen oder Geldflut? Deutschland und die USA haben die Finanzkrise mit am besten gemeistert. Dennoch streiten Finanzminister Schäuble und sein US-Kollege Lew bei ihrem Treffen in Berlin über den richtigen Weg - oder vielleicht gerade deshalb.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin, und Nikolaus Piper, Washington

Aus dem Sport kennt man den Satz, dass wer Erfolg hat, auch Recht hat. Schwierig wird es erst, wenn die Anhänger des feinen Passspiels und die Kollegen aus der Abteilung Brechstange sich gegenseitig von den Segnungen der eigenen Lehre überzeugen wollen. Ein solcher Versuch war am Dienstag auch im Bundesfinanzministerium zu besichtigen, wo Hausherr Wolfgang Schäuble auf seinen US-Kollegen Jacob Lew traf.

Beide priesen die eigenen wirtschaftspolitischen Erfolge - und warnten vor den Rezepten des anderen: Schäuble verwies, ohne die USA zu nennen, auf die Gefahren einer zu laxen Geld- und Fiskalpolitik für die Weltkonjunktur, Lew forderte von Deutschland mehr Geld zur Stimulierung von Wachstum und Beschäftigung in Europa.

Beide Minister haben gut reden, denn ihre Länder gehören zur höchst überschaubaren Gruppe derjenigen Staaten, die die globale Finanz- und Wirtschaftskrise ganz gut gemeistert haben. Nach einer Analyse der Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart sind Deutschland und die USA unter zwölf untersuchten Industrieländern sogar die einzigen, die beim Pro-Kopf-Einkommen wieder auf dem Niveau von vor der Krise sind. 2014 kann die Bundesrepublik nach heutigem Stand mit einem Wachstum von bis zu zwei Prozent rechnen, für die USA sagen Bankenvolkswirte neuerdings sogar Zuwachsraten zwischen 2,8 und vier Prozent voraus.

USA profitiert von billiger Energie

Das Erstaunliche dabei ist, dass die Wege beider Länder unterschiedlicher kaum hätten verlaufen können. So nahmen die Deutschen zur Überwindung der Rezession zwar zunächst viel Geld in die Hand, führten die Haushaltsdefizite dann aber rasch wieder zurück und wurden dafür auf den Finanzmärkten mit Niedrigstzinsen belohnt. In den USA hingegen fluteten Regierung und Notenbank die Wirtschaft mit billigem Geld, um die Kreditvergabe und damit das Wachstum anzukurbeln.

Die Auswirkungen auf die Konjunktur sind insbesondere in den USA beeindruckend. So ist etwa das Defizit in der Leistungsbilanz allein im November um 13 Prozent auf gut 34 Milliarden Dollar und damit den niedrigsten Stand seit Ende 2009 gesunken. Das bedeutet: Der Außenhandel wird mehr zum Wachstum der Gesamtwirtschaft beitragen als bisher erwartet.

Eine wesentliche Ursache für den Schub ist billige Energie. Dank der Fortschritte in der sogenannten Fracking-Technik ist die Produktion der heimischen Öl- und Gasindustrie in nur fünf Jahren um 64 Prozent gestiegen. In der Folge müssen die USA ihren Energiebedarf immer weniger im Ausland decken. 2005 lag die Importabhängigkeit noch bei 60 Prozent, 2015 sollen es nur noch 24 Prozent sein. In dem Jahr könnte die US-Produktion 9,6 Millionen Fass am Tag erreichen und damit den bisherigen Rekord aus dem Jahr 1970 einstellen.

Mehr neue Jobs als erwartet

Die USA importieren jedoch nicht nur weniger, sie führen auch mehr Waren aus. Saisonbereinigt erreichten die Exporte zuletzt einen Wert von fast 195 Milliarden Dollar - so viel wie noch nie in einem November. Hält der Trend an, dann werden die Handelsungleichgewichte - Kern des wirtschaftspolitischen Grundsatzstreits zwischen Deutschen und Amerikanern - irgendwann ihre Bedeutung verlieren.

Auch die amerikanische Binnenwirtschaft erholt sich zusehends. Die Unternehmen stellen wieder ein, was wiederum die Menschen dazu animiert, mehr zu konsumieren. Nach Angaben der privaten Analysefirma ADP haben die Betriebe im Dezember 238.000 neue Jobs geschaffen, erwartet worden waren nur 200.000. Es gilt als wahrscheinlich, dass auch die Arbeitslosenquote - sie beträgt derzeit noch 7,0 Prozent - in diesem Jahr kräftig sinken wird.

Geholfen hat, dass Demokraten und Republikaner in ihrem Haushaltsstreit einen Waffenstillstand geschlossen haben. So wird es in diesem Jahr voraussichtlich keine willkürlichen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen mehr geben. Damit entfällt ein Faktor, der 2013 die Wirtschaft belastet hatte. Mehr noch: Der Senat hat die Nothilfen der Regierung Obama für Langzeitarbeitslose überraschend deutlich verlängert. Bleibt es dabei, wird allein das 0,2 Punkte zum Wachstum hinzufügen.

In Watte verpackte Kritik

Auch der Häusermarkt hat sich erholt - vor allem dank ebenso aggressiven wie umstrittenen Geldpolitik der Notenbank. Hypothekenkredite sind historisch billig. Als Folge wurden mehr Häuser und Wohnungen verkauft, die Preise stiegen - in einigen Ballungsgebieten so stark, dass bereits wieder die Angst vor einer neuen Spekulationsblase grassiert. Der Konjunktur aber hilft die Entwicklung: Der Wert des Immobilienvermögens steigt, die Schuldenlast der Familien sinkt. Nicht zu unterschätzen ist auch die Rolle der Banken. Im Gegensatz zu Europa haben in den USA die Geldhäuser nach der Finanzkrise unter staatlichem Druck hohe Kapitalreserven gebildet. Jetzt stehen sie vergleichsweise gut da und können leichter Kredite vergeben.

Angesichts der optimistischen Ausblicke für die USA wie für Deutschland verpackten die Finanzminister Schäuble und Lew ihre jeweiligen öffentlichen Ratschläge beim Treffen in Berlin denn auch in ordentlich Watte. Schäuble pries zunächst die Segnungen der eigenen Politik und warnte dann, das ungeheure Maß an Liquidität auf den Finanzmärkten dürfe nicht erneut zu Preisblasen führen.

Sein US-Kollege wiederum betonte, Deutschland und Europa hätten deutliche Fortschritte bei dem schwierigen Versuch gemacht, die richtige Balance zwischen Haushaltskonsolidierung und Wachstumsförderung zu finden. Wirklich erreicht - das sagte Lew nicht, meinte es aber - habe die Bundesregierung diese Balance aber noch nicht.