Strompreise und Energiewende Achtung, jetzt geht's los

Bisher hat die Regierung die Kosten der Energiewende einfach verschleiern können. Doch mit der neuen Ökostromumlage kommen sie nun im Geldbeutel der Verbraucher an. Steigende Preise sind zunächst nicht das Problem - die Herausforderungen liegen woanders.

Ein Kommentar von Michael Bauchmüller, Berlin

Wenn man später einmal nach dem Tag suchen wird, an dem die Energiewende tatsächlich ihren Lauf nahm - vielleicht wird es der 15. Oktober 2012 sein: jener Tag, an dem der Ausbau des Ökostroms erstmals deutliche Mehrkosten bewirkte, nachlesbar in Euro und Cent. Jener Tag, der trotzdem den Gegnern dieses Umbaus nicht genug Munition bot, um ihn noch zu stoppen. Der Tag, an dem die Energiewende endlich eine politische Herausforderung wurde.

Lange Zeit war die Revolution für all ihre Anhänger in Regierung und Opposition viel zu bequem. Den Ausbau von Ökostrom und Netzen sollten weiter die Strombezieher finanzieren, über eine Umlage sowie Netzentgelte. Auch mit der Industrie gab es kaum Ärger, immer mehr Betriebe wurden zuletzt von Zusatzlasten verschont, und der große anonyme Kreis der Stromkunden, auf den die Kosten sich schließlich verteilten, muckte kaum auf. Selten ließen sich die Folgen einer so gravierenden Entscheidung so einfach verschleiern.

Das ist nun endgültig vorbei. Wenn in den nächsten Monaten Konzerne und Stadtwerke in ganz Deutschland ihre Preise erhöhen, wird das vor allem jene hart treffen, die mit wenig Geld auskommen müssen. Zumal die meisten Stromversorger großes Geschick entwickelt haben, bei solchen Gelegenheiten gleich noch etwas kräftiger hinzulangen.

Steigende Kosten machen die Energiewende nicht per se falsch, ganz im Gegenteil. Wer ein komplettes Energiesystem umbauen will, um künftig günstigeren Strom zu haben, der muss eben investieren - übrigens eines der wenigen Beispiele in der Geschichte, in der eine Generation Lasten auf sich nimmt, damit die Enkelgeneration günstiger leben kann. Entscheidend aber wird, wie sich diese Kosten in Grenzen halten lassen. Gelingt das nicht, gerät das ganze Unterfangen in Gefahr.

Ein echter Anfang

Gemessen an dieser Aufgabe war der Atomausstieg ein Klacks: Sie verlangt Kooperation und Koordination in einem System, in dem bislang jede Lobby, jedes Bundesland auf den eigenen Nutzen schielt. Nur so lässt sich die Ökostrom-Förderung reformieren, von der bisher so viele Gruppen profitieren (es zahlen ja andere) - und zwar so, dass der Umbau als solcher nicht in Gefahr gerät. Nur so kann auch ein intelligentes System entstehen, in dem das Stromnetz nur noch Mittler ist zwischen Sonne und Wind auf der einen Seite, Verbrauchern und Stromspeichern auf der anderen.

Dieser Job ist zu groß für eine einzelne Legislaturperiode; sie ist zu groß schon gar für diese Koalition. Bisher streiten Union und FDP vor allem darüber, ob nun ganz schnell oder eher später zu handeln ist, so gut wie gar nicht jedoch über das Wie. Ansonsten werden eifrig Schuldzuweisungen mit der Opposition ausgetauscht, wer den Anstieg der Preise nun zu verantworten hat. Wenn aber der 15. Oktober den Tag markiert, an dem endlich eine sachliche Debatte über den richtigen Weg in ein künftiges System beginnt - das könnte ein echter Anfang sein.

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