Modelle des Teilens Es fehlt das Verständnis für die Vielfalt der Sharing Economy

Carsharing ist nur einer von vielen Ansätzen innerhaln der Sharing Economy.

(Foto: dpa)

Deutschland kann Vorreiter in Sachen Sharing Economy werden. Ideen gibt es genug. Und gerade hierzulande gibt es eine lange Geschichte des Teilens.

Gastbeitrag von Johanna Mair

Teilen ist das neue Besitzen - unter diesem Motto verändert die Sharing Economy den Alltag der Menschen. Das Phänomen polarisiert Wirtschaft und Politik. Während Unternehmen bereits intensiv an den Konsequenzen für ihre Geschäftsmodelle arbeiten, befasst sich die Politik bisher kaum damit. Dabei besitzt gerade Deutschland mit historischen Erfolgsmodellen des Teilens wie der Genossenschaft oder dem Gemeinschaftsgarten die besten Chancen, um von der Sharing Economy zu profitieren.

Die Skepsis in der Politik mag mitunter durch die Unschärfe des Begriffs begründet sein. Sharing Economy steht für die Idee, Ressourcen wie Wohnräume, Alltagsgegenstände oder Autos anderen für eine bestimmte Zeit zu überlassen. Diese Überlassung kann ohne oder mit Gegenleistung erfolgen, wobei die Gegenleistung sowohl monetär als auch nicht-monetär - etwa durch Tausch - erfolgen kann. Die Idee selbst ist nicht neu. Neu - und für Unternehmen wie Uber, Airbnb oder CouchSurfing charakteristisch - sind jedoch zwei Aspekte. Erstens sind die Nachfrager zeitlich und örtlich enorm flexibel. Zweitens sind die Geschäftsmodelle ohne Internet und Smartphone nicht denkbar.

Entscheidend ist, was mit wem geteilt wird

Ist Sharing Economy nun gut oder schlecht? Für die einen trägt sie zu einer besseren, solidarischeren Gesellschaft bei. So wird durch das Teilen von Werkzeugen oder Kleidern und der besseren Nutzung von Autos die Umwelt weniger belastet. Modelle wie Umsonstladen oder CouchSurfing lassen Menschen näher aneinanderrücken. Für die anderen erodiert die Sharing Economy den Sozialstaat und die Wettbewerbskultur. Der Ad-hoc-Zugriff auf freischaffende Arbeitskräfte - das Schlagwort heißt Gig Economy - setzt das klassische Arbeitnehmermodell noch stärker unter Druck. Der Alltag des Einzelnen wird kommerzialisiert, wenn die eigenen vier Wände durch Airbnb, das eigene Auto durch Uber und die eigene Arbeitskraft durch TaskRabbit feilgeboten werden. Herkömmliche Unternehmen werden durch Sharing-Economy-Initiativen in rechtlichen Grauzonen benachteiligt.

Diese Diskussionen sind wichtig und müssen jetzt auch geführt werden - aber differenziert. Teilen ist nicht gleich Teilen: So haben weltweit operierende Unternehmen aus dem Silicon Valley wie Airbnb, Uber oder TaskRabbit nur wenig mit einem Berliner Umsonstladen oder Coworking-Space gemeinsam - außer, dass sie unter die Kategorie Sharing Economy fallen. Was fehlt, ist ein Verständnis für die Vielfalt der Sharing Economy - und ein Blick dafür, wie die Chancen dieser Vielfalt genutzt werden können.

Betrachtet man Sharing-Economy-Initiativen genauer, so ist ein zentrales, jedoch wenig beachtetes Merkmal die Reichweite des Teilens. Während Initiativen wie Uber global anbieten, bedienen andere, etwa Gemeinschaftsgärten, nur eine Region oder einen Stadtteil. Ein weiteres Merkmal ist der Gegenstand des Teilens. In Deutschland sind vor allem geteilte Autos, Alltagsgegenstände, Büro - und Wohnräume, Finanzierungen und Lebensmittel populär. Ein drittes Kriterium ist der Partner des Teilens. Während Plattformen wie Airbnb als Vermittler zwischen Privatpersonen auftreten, sind Plattformen wie Car2go auch gleichzeitig Anbieter der geteilten Ressource. Schließlich differenzieren sich die Initiativen durch das Ziel des Teilens - mit oder ohne Gewinnstreben.

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Teilen kann die Menschen näher aneinanderrücken

Welche Chancen bietet diese Vielfalt? An erster Stelle steht, dass Teilen gerade im urbanen Raum zu mehr Gemeinschaftssinn beitragen kann. Zahlreiche Gemeinschaftsgärten, das Teilen von Lebensmitteln und Nachbarschaftsplattformen verdeutlichen diese Chance. Zweitens zeigen Initiativen, die kostenlos handwerkliche Fertigkeiten oder Sprachkompetenzen vermitteln, dass Sharing Economy dem ehrenamtlichen Engagement neue Chancen eröffnet. Drittens kann sich die Sharing Economy regionalen Erfordernisse anpassen. Hierfür sind Carsharing-Angebote in Ergänzung zum öffentlichen Verkehrsnetz in weniger dicht besiedelten Regionen ein Beispiel. Viertens besitzen Sharing-Economy-Initiativen das Potenzial, zwischen Generationen zu vermitteln. Initiativen, bei denen Rentner Kindern und Jugendlichen handwerkliche Fertigkeiten oder Wissen beibringen, sind hierfür beispielhaft. Schließlich kann die Sharing Economy als alternative Form des Wirtschaftens in gesellschaftlichen Bereichen wie Gesundheit oder Kultur angewendet werden, in denen etabliertes, gewinnorientiertes Wirtschaften nicht intendierte negative Folgen haben kann.

Was kann die Politik dazu beitragen, dieses Potenzial zu erschließen? Analog zu Clusterstrategien in der Innovationspolitik besteht ein vielsprechender Weg darin, der Sharing Economy in Modellregionen oder Modellstadteilen Freiräume zu bieten. Hier wird im Kleinen erprobt, was im Großen zu erwarten ist. Auch staatliche Fördermittel sollte es geben. Dabei geht es nicht um ein umfangreiches Förderprogramm für die Sharing Economy nach dem Gießkannenprinzip. Gemeint sind gezielte Impulse, wobei Initiativen mit regionaler Reichweite nicht in denselben Topf mit global agierenden Plattformen geworfen werden sollten. Klare Kriterien und Indikatoren, mit der diese Kriterien flächendeckend messbar werden, sind hierfür unerlässlich. Mit virtuellen und realen Begegnungsräumen für interessierte Entscheidungsträger und Unternehmen kann ebenfalls viel erreicht werden. Die Initiative "Sharing City" der Stadt Amsterdam ist hierfür ein gelungenes Beispiel.

In Deutschland reagiert man bisher nur auf die Entwicklung, statt sie zu gestalten. So unterbindet das Land Berlin neuerdings durch das Zweckentfremdungsverbot das temporäre Überlassen von Wohnungen via Sharing Economy. Mit Initiativen wie dem Landeskongress "shareBW" in Baden-Württemberg zeigen sich jedoch auch neue, vielversprechende Ansätze, die forciert werden müssten. Denn Deutschland hat ganz klar gute Voraussetzungen, um die Chancen der Sharing Economy auszuloten. Nicht nur ist man hierzulande mit historischen Erfolgsmodellen des Teilens bestens vertraut. Die Autonomie der Länder in der Wirtschaftspolitik erlaubt auch eine verhältnismäßig rasche Etablierung von Modellregionen und auf regionale Bedürfnisse zugeschnittene Förderungen. Außerdem verfügen sowohl Verwaltung als auch Parlamente durch die Energiewende bereits über Erfahrung in der Umsetzung spezifischer Förderungen.

Wenn Bund und Länder hier mehr Mut und Kreativität bewiesen, könnte Deutschland in Sachen Sharing Economy sogar zum Vorreiter werden, denn Ideen gibt es genug.

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