Sexismus-Debatte Rosa kostet extra

(Foto: Hersteller; Bearbeitung SZ)

Preis-Schere nicht nur beim Frisör: Bei Dienstleistungen und Produkten bezahlen Männer und Frauen einer Studie zufolge sehr oft verschiedene Preise - und meistens die Frauen mehr.

Von Roland Preuß

Manchmal merkt man schon bei den Kleinsten, wo es mit der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht allzu weit her ist. Etwa wenn ein Bobby Car in der rosafarbenen Variante "Girlie" für Mädchen gute vier Euro mehr kostet als das gleichwertige Modell in knallrot, das der Bruder bevorzugt. Oder wenn das Schaumbad "Prinzessin Sternenzauber" (2,95 Euro) für Mädchen viel teurer ist als die blaue Version namens "Saubär" (1,75 Euro).

Beides sind zwei von vielen Beispielen aus einer Studie im Auftrag der Antidiskriminierungstelle des Bundes, die an diesem Mittwoch in Berlin vorgestellt wird. Die Wissenschaftler haben erstmals für Deutschland umfassend untersucht, was viele Kunden aus dem Alltag kennen: Für Frauen und Männer werden oft unterschiedliche Preise verlangt, selbst wenn es die gleichen oder ähnliche Produkte oder Dienstleistungen sind. Das fängt bei Spielsachen an, geht über Rasierklingen (für Frauen oft teurer) bis hin zu Datingportalen (für Männer oft teurer).

Kurzhaarfrisuren für Frauen kosten im Schnitt 12,50 Euro mehr

Fast 1700 Produktvarianten haben die Autoren einbezogen und gut 380 Dienstleistungen. Das Ergebnis: Bei Produkten sind solche fraglichen Preisunterschiede mit knapp vier Prozent eher selten, bei Dienstleistungen dagegen kommen sie mit fast 60 Prozent sehr häufig vor - und meist müssen Frauen mehr zahlen.

Besonders häufig ist die Praxis demnach beim Friseur. Die Kurzhaarfrisur für die Dame kommt im Schnitt mit einem Aufschlag von 12,50 Euro daher, so kurz die Haare auch sein mögen. Und in Reinigungen mussten die Tester für eine saubere Bluse durchschnittlich 1,80 Euro mehr hinlegen als für das fleckfreie Herrenhemd.

Hintergrund solcher Unterschiede ist häufig, dass Männer und Frauen bereit sind, unterschiedliche Preise zu zahlen. Frauen etwa lassen sich im Schnitt eher auf den Kauf luxuriöser Kleider, Uhren oder von teurem Parfüm ein. Das können sich Unternehmen zunutze machen, indem sie dann eben mehr Geld verlangen. Die Fachwelt spricht von Gender Marketing. Männerparfüms und Kosmetikartikel sind dementsprechend oft günstiger als gleichwertige Produkte für Frauen. Damit aber werden Frauen und Männer pauschal unterschiedlich behandelt. In einer Zeit, in der viele Gleichberechtigung einfordern, wird eine solche Praxis nun stärker in Frage gestellt.

Männer dürfen in Österreich bei Ladies Nights günstiger in die Clubs

Dass teils unterschiedliche Rohstoffe eingesetzt werden, Moschusduft statt Rosenöl, kann die Preisunterscheide allein nicht erklären. Jedenfalls seien die Mehrkosten viel geringer, heißt es in der fast 200 Seiten zählenden Studie "Preisdifferenzierung nach Geschlecht in Deutschland", die sich dabei auf einen Experten der Verbraucherzentrale Hamburg beruft.

Allerdings gibt es durchaus sachliche Gründe für manche Preisunterschiede: So verweist zum Beispiel der Deutsche Textilreinigungs-Verband, der in der Studie zu Wort kommen darf, auf die weibliche Rüschenbluse, die aufwendiger zu bügeln sei als das Herrenhemd, das allenfalls eine Brusttasche ziert. Auch der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks führt den Mehraufwand zu Felde - die Frauenfrisur dauere oft länger als die des Herrn. Die Erhebung für die Studie ergab ebenfalls, dass es bei Frauen rund 15 Minuten länger dauert, bis die Kurzhaarfrisur sitzt.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, empfiehlt den Betrieben dennoch Dienstleistungen eher nach der "konkreten Art der Leistung und nicht pauschal nach Geschlecht anzubieten". Schließlich sei Benachteiligung nach Geschlecht grundsätzlich verboten. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbiete es, verschiedene Vorlieben von Frauen und Männern oder den mutmaßlichen Mehraufwand für Dienstleistungen pauschal für unterschiedliche Preise zu nutzen, heißt es in der Studie.

Für Männer hält diese Unisex-Welt immerhin in Einzelfällen Trost bereit, das zeigt ein Blick nach Österreich: Wie in Deutschland mussten Frauen dort einst bei Ladies Nights in Clubs weniger Eintritt zahlen. Nach dem Eingriff des Staates gibt es die Ladies Nights zwar noch, aber Männer zahlen jetzt genauso wenig.

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