Schwere Vorwürfe gegen Metro 85 Cent pro Tag

Löhne teilweise unter der Armutsgrenze: Der Handelskonzern Metro wirbt für soziale Verantwortung, doch in Indien wird schlecht bezahlt.

Von Silvia Liebrich

Die Hilfsorganisation Oxfam erhebt schwere Vorwürfe gegen die Geschäftspraktiken des Metro-Konzerns in Indien: Der Handelskonzern verletze massiv die Arbeitsrechte, sowohl bei eigenen Angestellten als auch bei Obst- und Gemüselieferanten. Das geht aus einer unveröffentlichten Studie hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Demnach zahlt der Konzern teilweise Löhne unter der Armutsgrenze, und Gewerkschaftsmitglieder werden unter Druck gesetzt. Hinzu kommen Oxfam zufolge Verstöße gegen indisches Arbeitsrecht und vor allem gegen den Verhaltenskodex, den sich der drittgrößte Handelskonzern der Welt selbst auferlegt hat. Ein Metro-Sprecher wies die Vorwürfe in einem mehrseitigen Schreiben weitestgehend als unzutreffend zurück.

Der Handelskonzern Metro bezahlt in Indien offenbar Löhne unter der Armutsgrenze.

(Foto: Foto: AP)

Franziska Humbert, Autorin der Studie und Referentin für soziale Unternehmensverantwortung bei Oxfam Deutschland, sieht das anders: "Insgesamt klafft bei der Metro in Bezug auf die soziale Verantwortung eine erhebliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit."

Besonders problematisch seien die Arbeitsbedingungen der Landarbeiterinnen bei indischen Metro-Lieferanten. Diese erhielten nur 85 Eurocent für zehn bis zwölf Stunden Arbeit. Die Armutsgrenze liegt bei umgerechnet 94 Eurocent pro Tag.

Frauen erhielten außerdem bis zu 50 Prozent weniger Geld als Männer. Der Konzern bestätigte den Tageslohn von 85 Cent. Er entspreche dem gesetzlichen Mindestlohn, so der Sprecher. Lieferanten müssten außerdem Verträge unterzeichnen, in denen sie die Einhaltung bestimmter Standards garantieren. Oxfam kritisiert auch die Arbeitsbedingungen in den Metro-Großhandelsmärkten. Unbezahlte Überstunden seien dort an der Tagesordnung, obwohl das Gesetz einen doppelten Stundenlohn vorschreibe.

"Wenn es eine bestimmte Aufgabe gibt, die erledigt werden muss, bleiben wir auch eine Doppelschicht", wird ein indischer Metro-Beschäftigter zitiert. "Überstunden werden nicht bezahlt, und meist kann man sie auch nicht abfeiern." Ein Metro-Sprecher bestätigte, dass keine Überstunden vergütet werden, dafür gebe es Freizeitausgleich, was in Indien zulässig sei. Mitarbeiter würden zudem um 30 Prozent über Mindestlohn bezahlt. Nicht gern gesehen sind in den indischen Metro-Großmärkten offenbar Gewerkschaftsmitglieder. Allein 2008 entließ Metro nach Oxfam-Recherchen acht Mitarbeiter, die der Gewerkschaft angehörten, ohne Gründe zu nennen. Es habe sich dabei um einen generellen Personalabbau gehandelt, von dem auch andere Beschäftigte betroffen gewesen seien, hieß es dazu beim Konzern.

Metro sorgte zuletzt im Mai 2009 für Schlagzeilen, nachdem in einem Zulieferbetrieb in Bangladesh eine 18-jährige Frau gestorben war. Ihr Tod wurde in Verbindung mit schlechten Arbeitsbedingungen gebracht. Spätere Untersuchungen zeigten laut Metro jedoch, dass die Frau schon vor ihrer Einstellung schwer krank war. Trotzdem wiegen die neuen Beschuldigungen gegen den Konzern schwer, weil das Unternehmen offiziell mit seiner sozialen Verantwortung wirbt. Der Konzern ist Mitglied der BSCI-Initiative, der europäische Handels- und Markenfirmen angehören und die das Ziel hat, für gute Arbeitsbedingungen in der Lieferkette zu sorgen.

Oxfam und andere Organisationen werfen Metro auch vor, mit seinem Expansionsdrang auf den asiatischen Märkten die dortigen Handelsstrukturen zu zerstören. Straßenhändler und Kleinbauern seien in ihrer Existenz bedroht. Die Lizenzen des Konzerns beschränken sich in Indien fast ausschließlich auf den Großhandel. Oxfam kritisiert, Metro unterlaufe dies. "De facto agiert Metro jedoch auch in dem bislang streng regulierten indischen Einzelhandelsmarkt", so Humbert. Auch diesen Vorwurf wies der Metro-Sprecher zurück.