Volle Tanks Der Ölpreis bricht ein

Öltanks im Hamburger Hafen.

(Foto: dpa/dpaweb)
  • Innerhalb von zwei Monaten ist der Ölpreis um ein Drittel eingebrochen.
  • Die Opec-Mitglieder haben seit mehr als einem Jahr ihre selbst gesetzte Quote von 30 Millionen Barrel am Tag überschritten.
  • Es geht um die Frage, welcher der Ölproduzenten länger mit den niedrigen Preisen zurechtkommt. Viele Länder sind auf einen Preis von 100 Dollar pro Fass oder mehr angewiesen.
Von Jan Willmroth und Markus Zydra, Frankfurt

Die Fahrt von Amerikas Öl-Hauptstadt Oklahoma City nach Cushing dauert etwas mehr als eine Stunde. Ohne diese eine Besonderheit wäre der Ort nur eine von vielen unbedeutenden Kleinstädten im Zentralen Süden der USA und kaum erwähnenswert. Als Anfang des 20. Jahrhunderts der Öl-Boom in Oklahoma seinen Lauf nahm, stieß in der Gegend um Cushing beinahe jede Bohrung auf Öl. Zwar versiegten diese Quellen rasch, das Städtchen mit weniger als 8000 Einwohnern aber wurde zum wichtigen Verteilzentrum der US-Ölindustrie: Wo früher das Öl unter der Erdoberfläche verborgen war, lagert es heute in gigantischen Tanks, die sich meilenweit am Rande der Stadt erstrecken.

Durch keinen Ort der USA fließt so viel Rohöl zu Raffinerien wie durch Cushing. Und momentan gibt es vielleicht keinen Ort, anhand dessen sich besser erklären ließe, warum der Ölpreis erneut so rasch gesunken ist und sich im Fall der US-Ölsorte WTI der Marke von 40 Dollar pro Fass (etwa 159 Liter) nähert. Denn in den Tanks von Cushing staut sich das Öl, sie sind binnen Wochenfrist erneut voller geworden und stehen stellvertretend für die gesamte USA - so voll wie Anfang des Monats waren die Lagerstätten seit 80 Jahren nicht mehr.

Öl ist billig und wird es mittelfristig wohl bleiben, darin sind sich Experten bei Agenturen, Banken und in der Ölindustrie einig. Nach dem rasanten Preissturz um zeitweise mehr als 60 Prozent seit Juni vergangenen Jahres hatten sich die Preise bis zur Jahresmitte wieder etwas erholt, um dann binnen zwei Monaten wieder um ein Drittel einzubrechen. "Die fallenden Preise sind das Ergebnis von Überproduktion und spekulativen Verkäufen", sagt Eugen Weinberg, der als Rohstoffexperte bei der Commerzbank die Marktentwicklung verfolgt. Schon hat das anhaltende weltweite Überangebot die Energieagenturen dazu bewegt, ihre Preisprognosen zu kürzen - mit dem Zusatz, die Marktentwicklung sei hochgradig unsicher.

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Die Opec-Staaten überschreiten ihre selbst gesetzte Förderquote

Die vollen Tanks in den USA sind ein Gradmesser für dieses Überangebot. Die Ölförderung in den Opec-Staaten hält sich trotz der niedrigen Preise auf hohem Niveau. Berechnungen der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge haben die Opec-Mitglieder seit mehr als einem Jahr ihre selbst gesetzte Quote von 30 Millionen Barrel am Tag überschritten. Vor allem Saudi-Arabien sei für den niedrigen Ölpreis verantwortlich, sagt Weinberg. "Man will offensichtlich die OPEC zu mehr Förderdisziplin erziehen und gleichzeitig der amerikanischen Schieferöl-Produktion schaden."

Das ist ein bekannter Teil der Entwicklung auf dem Ölmarkt, aber nach wie vor der wichtigste: Das Überangebot spiegelt wider, wie die größten Ölproduzenten um ihre Marktanteile ringen - es geht am Ende um die Frage, wer länger mit dem niedrigen Ölpreis zurechtkommt. Viele Länder sind auf einen Preis von 100 Dollar pro Fass oder mehr angewiesen, um ihre Staatsausgaben zu finanzieren, und zahlreiche Förderprojekte sind bei 40 Dollar pro Fass längst nicht mehr wettbewerbsfähig.

Die Folge: Der Verbrauch in den Industrieländern wächst so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr

Das betrifft derzeit insbesondere solche außerhalb der USA und des Nahen Ostens. Die teure Produktion von Öl aus kanadischen Teersanden und die Ölförderung in der Nordsee sind davon ebenso betroffen wie schwache Opec-Mitglieder aus Afrika und Lateinamerika, gigantische Offshore-Projekte und entlegene Fördergebiete rund um den Globus. Laut einem Überblick des Ölfeld-Dienstleisters Baker Hughes ist die Zahl der aktiven Bohrtürme außerhalb Nordamerikas seit Juli vergangenen Jahres um etwa ein Fünftel gesunken - und zwar größtenteils nicht im Nahen Osten. Die Anzeichen mehren sich, dass der Angebotsüberhang allmählich zurückgeht.

Eine Erdölraffinerie bei Dhahran an der Ostküste von Saudi-Arabien: Der Golfstaat fördert Öl nach wie vor in großen Mengen und hält den Preis niedrig.

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Einen Effekt auf den Preis hat das allerdings nur, wenn auch die Nachfrage wieder stärker steigt. Zu den Eigenheiten des Ölmarkts gehört die Verzögerung, mit der Marktteilnehmer auf Preisänderungen reagieren. Förderprojekte verlangen hohe Anfangsinvestitionen und brauchen lange, bis sie etabliert sind; Konsumenten kaufen sich nicht morgen ein Auto mit größerem Motor, wenn heute der Benzinpreis fällt, fahren aber vielleicht mehr. Produktions- und Verbrauchsmuster folgen den Preisen der vergangenen Jahre, und heutige Preise bestimmen die Welt von 2017 bis 2020.

Die Konsequenzen deuten sich schon an. Der Ölverbrauch in den Industrieländern dürfte in diesem Jahr so stark wachsen wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Zugleich wird die Ölproduktion außerhalb der Opec laut Internationaler Energie-Agentur im kommenden Jahr nicht mehr steigen. Das Gleiche gilt der US-Energiebehörde EIA zufolge auch für die US-Schieferöl-Produktion. Eine genaue Vorhersage über die Preise bis ins kommende Jahr hinein trauen sich auch die EIA-Experten nicht zu. Im aktuellen Energie-Ausblick haben sie ihre Prognose für 2016 erneut gesenkt. Demnach wird der Preis für ein Barrel US-Öl im Dezember 2016 mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent zwischen 27 und 103 Dollar liegen.

Nur eines ist sicher: Wenn sich die Tanks in Cushing wieder schneller leeren, geht die Zeit des Überangebots zu Ende.