Elektroautohersteller Wie Teslas Auto-Revolution funktioniert

Rote Roboter basteln an der Zukunft der Mobilität - bei der Herstellung von elektrischen Autos im kalifornischen Fremont.

(Foto: Nancy Pastor/Polaris)

Der kalifornische Autohersteller Tesla fasziniert viele, trotz gewaltiger Verluste. Über die Gründe.

Von Jürgen Schmieder, Fremont

Nein, dieser Mann ist nicht größenwahnsinnig und auch kein Außerirdischer. Behauptet er zumindest. Er steht vor einem Gebäude des Elektroautobauers Tesla in Los Angeles und will eine Beobachtung zum Weltganzen loswerden. Es ist nicht Tesla-Gründer Elon Musk, der hätte das mit dem Größenwahn und dem fremden Heimatplaneten wohl augenzwinkernd bestätigt. Es ist ein Kunde, gerade hat ihm Musk höchstpersönlich mitgeteilt, dass die soeben präsentierte Batterie für daheim die Welt verändern wird. "Jetzt mal ehrlich", sagt der Mann: "Mit einem Tesla bekommen Sie jede Frau!"

Tesla-Fahrer halten sich für grandiose Geschöpfe, die diesen Planeten allein durch den Kauf eines Elektroautos ein bisschen gesünder machen.

Wer in diese Firma investiert, der beteiligt sich an der grünen Revolution gegen all die grauen Autobau-Dinosaurier, die ihr eigenes Aussterben dadurch befördern, indem sie weiter den Kometen bauen, der die Welt vernichten wird. Natürlich steckt in dieser Gerechtigkeit ganz viel Selbstgerechtigkeit und natürlich finden es Besitzer und Anleger schick, als größenwahnsinnig oder außerirdisch bezeichnet zu werden, denn seien wir mal ehrlich: Wurde nicht jeder, der die Welt verändert hat, zu Beginn als größenwahnsinnig oder außerirdisch bezeichnet?

Um weiter so schön ehrlich zu sein: Tesla ist eine Firma, die in diesem Jahr nach eigenen Angaben 52 000 Autos ausliefern wird. Das sind 0,059 Prozent aller Fahrzeuge weltweit, ein winziger Strich in einem Kuchendiagramm. In fünf Jahren sollen es 500 000 sein, noch immer nicht viel mehr als ein Strich. In den drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahres hat Tesla 488,79 Millionen Dollar Verlust erwirtschaftet. Erst im August besorgte sich das Unternehmen 738,8 Millionen Dollar frisches Kapital, um die geplante Revolution weiter finanzieren zu können.

Was ist derart faszinierend an diesem Unternehmen, dass es derzeit mit 30 Milliarden Dollar bewertet wird, laut Musk in zehn Jahren 700 Milliarden wert sein könnte und vom Magazin Forbes gerade zur innovativsten Firma der Welt erklärt wurde?

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Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel verkündete kürzlich stolz, dass er sich bereits mit Musk, diesem genialen Visionär, über den Bau einer Batteriefabrik in Deutschland unterhalten habe und dass er gern Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region gegen staatliche Fördermittel tauschen würde. Wie beides funktioniert - also sowohl dieser Austausch als auch die beinahe kindliche Begeisterung von Politikern für Musk -, das war im vergangenen Jahr in Nevada zu beobachten. Dort baut Tesla für fünf Milliarden Dollar die Gigafactory 1 und wird dafür innerhalb von 30 Jahren Zuschüsse und Steuervergünstigungen von 1,25 Milliarden Dollar erhalten. "Dieser Deal wird Nevada für immer verändern", sagt Gouverneur Brian Sandoval: "Unserem Bundesstaat steht eine grandiose Zukunft bevor."

Noch einmal: Was in aller Welt ist so faszinierend an Tesla?

Die Analysefirma Gartner hat im Jahr 1995 für technologische Entwicklungen den "Hype-Zyklus" eingeführt und das Diagramm in fünf Phasen aufgeteilt: technischer Auslöser, Gipfel der überzogenen Erwartungen, Tal der Enttäuschungen, Pfad der Erleuchtung und Plateau der Produktivität. Die traditionellen Autofirmen befinden sich nicht erst seit dem Emissions-Skandal von Volkswagen bei ökologischen Fortschritten eher im Tal, gerade im umweltbewussten Kalifornien. Tesla dagegen ist unweit des Gipfels zu finden. Die einen behaupten, der notwendige Absturz stehe kurz bevor, die anderen glauben an einen Aufstieg, der so schnell nicht enden werde. So oder so: Fasziniert sind sie alle.

Wer das alles verstehen möchte, der muss nach Fremont ins Silicon Valley fahren. Dort werden in einem 510 000 Quadratmeter großen Gebäude die Fahrzeuge gefertigt: die Limousine Model S, seit wenigen Wochen der Flügeltüren-SUV Model X und möglichst schon vom kommenden Jahr an das Mittelklassen-Model 3. Es gilt als Katalysator der Revolution, schließlich ist Tesla ein "High End Disruptor". Die Firma erschüttert den Markt zunächst mit hochwertigen und hochpreisigen Produkten und will ihn dann mit günstigeren Versionen erobern. Apple hat das mit dem Ipod getan, Starbucks mit Kaffee und gemütlichen Cafés. Model 3 soll also nicht als Frauenköder, Statussymbol und Gewissensbereinigung herhalten, sondern mit einem Grundpreis von etwa 35 000 Dollar tauglich für den Massenmarkt sein.