Regenwald Gericht stärkt Umweltaktivisten im Kampf gegen Ölkonzern

Ölverschmierte Funde wie diese Flasche sind Alltag am Lago Agrio.

(Foto: dpa)

Sie sprechen von 30 000 Betroffenen: Aktivisten aus Ecuador wollen den Chevron-Konzern zur Verantwortung für ein Umweltdesaster im Regenwald ziehen.

Von Sebastian Schoepp

Seit 22 Jahren kämpfen Einwohner des amazonischen Regenwalds in Ecuador um eine Entschädigung für ein gewaltiges Umweltdesaster, das Ölbohrungen dort hinterlassen haben. Es geht um 450 000 Hektar, die, so die Ureinwohner, verseucht seien mit Ölschlick, Schwermetallen, Salzen und anderen Umweltgiften. Schuld ist nach ihrer Ansicht der Texaco-Konzern, der 26 Jahre Öl in Amazonien förderte und 2001 mit Chevron fusionierte. Zehn Jahre später entschied ein ecuadorianisches Gericht, die Betroffenen hätten Anspruch auf 9,5 Milliarden Dollar Entschädigung. Seitdem versuchen sie, das Geld einzutreiben - bislang vergeblich. Ein Urteil des Obersten Gerichts im fernen Kanada gibt ihnen nun neue Hoffnung.

Das berichtet Anwalt Pablo Fajardo, der eine Organisation von Geschädigten in Ecuador vertritt, die wiederum 30 000 Betroffene repräsentiert, wie er sagt. Fajardo tourt gerade durch Europa. Der Fall, so glaubt der Anwalt, habe Präzedenzcharakter für viele Umweltdesaster. In der Tat nimmt Chevron die Sache sehr ernst, der Konzern betreibt beträchtlichen medialen Aufwand, um seinen Standpunkt klar zu machen, inklusive einer Internetzeitung mit dem Namen The Amazon Post. Die Angelegenheit ist schlecht fürs Geschäft, in Anlegertipps wird immer mal wieder vor Chevron-Investments gewarnt, solange der Streit mit Ecuador nicht geklärt sei.

Aktivisten sprechen vom "Tschernobyl des Amazonas"

Der Konzern hat die Entschädigung nie bezahlt, weil das ecuadorianische Urteil nach Ansicht seiner Anwälte unter betrügerischen Bedingungen zustande kam. Ein Gericht in New York entschied im März 2014 im Sinne von Chevron, nachdem der Konzern einen ecuadorianischen Ex-Richter aufgetan hatte, der aussagte, er sei bestochen worden. Pablo Fajardo wiederum legt nun Dokumente vor, die beweisen sollen, der Ex-Richter sei von Chevron geschmiert worden. Bis das Schmiergeldtheater letztinstanzlich geklärt ist, versuchen die Ecuadorianer, Geld über Chevron-Besitz in anderen Ländern zu holen, konkret in Brasilien, Argentinien und Kanada.

Das Oberste kanadische Gericht hat nun mit sieben zu null Richterstimmen entschieden, dass die Justiz des Landes zuständig sei. Sie muss nun ihrerseits prüfen, ob das ecuadorianische Urteil ihre Standards erfüllt. Darüber verhandelt ein Gericht in Ontario im März 2016. Fajardo und seine Leute geben sich siegessicher. Chevron bleibt bei seinem Standpunkt, das ecuadorianische Gericht habe Standards nicht erfüllt, wie sie auch in Kanada gelten würden. Auch wird die kanadische Zuständigkeit bezweifelt. Der zweitgrößte Erdölkonzern der Welt ist ohnehin der Ansicht, sein Vorgänger Texaco habe in Ecuador alles getan, um den Dreck wegzuräumen, der bis zum Ende der Bohrungen in den 1990er Jahren angefallen sei. An den Verunreinigungen, die noch da seien, sei der staatliche Ölkonzern Petroecuador Schuld.

Die Regierung von Ecuador streitet das ab, führt Besucher an blitzsaubere Bohrstellen und präsentiert daneben die Drecklöcher, die von Texaco stammen sollen und die mit primitiven Methoden gesäubert worden seien. An die 300 solcher Stellen soll es nach ecuadorianischen Angaben geben. In vielen steht der Ölschlick knietief. Bachläufe, Pflanzen und Grundwasser werden verseucht. Anwohner berichten von Krankheiten, Aktivisten sprechen von 2000 Todesfällen, dem "Tschernobyl des Amazonas". Chevron sagt hingegen, die Ecuadorianer seien jeden Beweis schuldig geblieben, dass erhöhte Krankheitsraten auf den Dreck von Texaco zurückzuführen seien. In der Tat hat es bisher nur Stichproben gegeben, die von Hautkrankheiten, Frühgeburten und erhöhten Krebsraten berichteten.

Keine internationale Justiz

Pablo Fajardo sagt, er kennt viele Krankheitsfälle aus seinem Bekanntenkreis. Er wolle auch nach 22 Jahren den Kampf nicht aufgeben, das sei er den betroffenen Familien schuldig. Fajardo ist ein Mann, der ruhig und nachdrücklich spricht, und die Aura von Hartnäckigkeit verbreitet. Zuhause in Lago Agrio radelt er mit dem Mountain-Bike zu seinen Klienten im Urwald, trotz Hitze und Moskitos. Zweimal die Woche nimmt er die strapaziöse Fahrt im Überlandbus von Amazonien ins Hochland nach Quito auf sich, wo er in einer Kanzlei arbeitet. Er will dem Konzern mit andinen Methoden beikommen, eine weltweite "Minga" bilden, so heißt es in den Anden, wenn alle im Dorf zusammenarbeiten, um einen Weg zu bauen. In Europa will er Anleger davor warnen, in Ölbohrungen in sensiblen Bereichen zu investierten.

Es gebe keinerlei internationale Justiz, die für Konzerne zuständig sei, klagt Fajardo, sie stünden außerhalb des Rechts. Der Anwalt ist davon überzeugt, dass Chevron längst gezahlt hätte, wenn die Betroffenen Nordamerikaner oder Europäer gewesen wären. Aber es seien ja Ecuadorianer, Ureinwohner zumeist. Es gebe bis heute kein ernst zu nehmendes Verhandlungsangebot der Firma. Fajardo will aus diesem Grund auch nicht von der in der Tat imposanten Entschädigungsforderung von 9,5 Milliarden Dollar abweichen.

Von Rückschlägen lässt er sich nicht entmutigen. Einen gab es in Argentinien. Dort stoppte das Oberste Gericht die Beschlagnahme von Chevron-Besitz, die untere Instanzen angeordnet hatten. Fajardo glaubt, dass Einfluss der Regierung dahinterstecke. "Das hat System", sagt er, "das ist unser Problem".