Er ist Anwalt, Moderator und Publizist. Für viele Menschen ist er aber vor allem ein Provokateur. Michel Friedman über den beruflichen Neustart nach Koks und Prostituierten, antisemitische Banker und die Frage, wie viel Geld er im Sonnenstudio lässt.
Es ist zehn Uhr morgens, und Michel Friedman raucht Zigarre. Der Duft durchzieht die Räume seiner Frankfurter Anwaltskanzlei. Friedmans Handy klingelt unentwegt, das Telefon der Kanzlei auch; und der 55-Jährige hat sowieso viel zu wenig Zeit. Auch heute, nach dem Neustart, der nötig war, weil Friedman im Jahr 2003 mit dem Skandal um Kokain und Zwangsprostituierte sein Leben "in die Luft sprengte", wie er offen einräumt.
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"An Antisemitismus gewöhnt man sich übrigens nie": Michel Friedman musste viele negative Erfahrungen in Deutschland machen. (© DPA)
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SZ: Herr Friedman, reden wir über Geld. Als Sie neun Jahre alt waren, zogen Ihre Eltern von Paris in die Geldstadt Frankfurt. Und damit in das Land, dessen Bewohner fast Ihre gesamte Familie ermordet hatten.
Michel Friedman: Es war eine rein ökonomische Entscheidung. Frankfurt war das europäische Zentrum der Pelzhändler, und mein Vater übernahm dort ein Pelzgeschäft. Ich war damals nicht sehr glücklich. Wer aus Paris kommt, dieser sinnlichen Stadt, der kommt nicht gerne in das damals sehr hässliche Frankfurt. In der Pubertät kam die Frage hinzu: Was suchen wir im Land der Täter? Ich habe die Entscheidung für Frankfurt nie verstanden, und wir haben bis zum Lebensende meiner Eltern darüber gestritten. Ich glaube, ich wäre glücklicher geworden, wenn wir in Paris geblieben wären.
SZ: Warum?
Friedman: Deutschland war ein vergiftetes Land. Und die, die das Gift verstreut haben, waren teils meine Lehrer und Nachbarn, waren teils Richter und Politiker. In einer solchen Umgebung aufzuwachsen, war eine extreme Belastung - zusätzlich zu dem, was ein Pubertierender eh an Belastung hat: Pickel und erste Küsse. Und das Ganze auch noch existenziell mit diesen trauernden Eltern, in einem Haus, in dem viel geweint wurde.
SZ: Von wem fühlten Sie sich das erste Mal diskriminiert?
Friedman: Von einem meiner besten Schulfreunde. Er wollte bei mir abschreiben, und ich wollte das nicht, weil es vielleicht herausgekommen wäre. Darauf schrie er mich an, ich sei ein Drecksjude.
SZ: Puh.
Friedman: An Antisemitismus gewöhnt man sich übrigens nie. Es ist immer eine Kränkung, die einem deutlich machen soll, dass man nicht dazugehört. Oft passiert das ganz unterschwellig.
SZ: Ein Beispiel, bitte.
Friedman: Ein Vorstand einer großen Bank kam mal mit einem Fall zu mir, als ich gerade meine Kanzlei aufmachte. Streitwert: fünf Millionen Mark. Er sagte, ich könne ja so was als führender jüdischer Mensch besonders gut. Juden seien in Geldsachen ja bekanntlicherweise erfahren.
SZ: Das Klischee.
Friedman: Wissen Sie, ich war ein oder zwei Jahre Anwalt. Das hätte ein wunderbares Honorar gegeben, und es hätte mich in die Welt der Banken-Anwälte katapultiert. Ich hab' nur gesagt: Mit dieser Argumentation haben Sie gerade den besten Anwalt für diesen Fall verloren. Bitte verlassen Sie mein Büro. Ich habe das nie bereut.
SZ: Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie in Paris geblieben wären?
Friedman: Das weiß kein Mensch. Ich wollte mit 18 nach New York. Was wäre aus mir geworden, wenn ich nach Amerika gegangen wäre?
SZ: Warum sind Sie nicht gegangen?
Friedman: Meine Eltern haben mich in einer Art und Weise gebraucht wie viele Eltern aus der Generation der Überlebenden. Aber ich wäre gern gegangen. Ich wollte weg aus Deutschland. Weil ich in diesem Land immer auch Jude bleibe.
SZ: Haben Sie bereut, geblieben zu sein?
Friedman: Ja.
SZ: Wann besonders?
Friedman: Jeden Tag, an dem ich mit Rassismus und Antisemitismus konfrontiert werde. Aber ich habe mich entschieden zu bleiben. Sie müssen sich vorstellen, was es bedeutet, Kind eines Vaters und einer Mutter zu sein, die zerbrochen wurden. Meine Mutter hat gesehen, wie der eigene Vater geschlagen und ermordet wurde. Meine Eltern haben dann versucht, sich aus Millionen von Mosaikteilchen neu zu formen. Als Kind einer solchen Familie hat man mehr Verantwortung, als einem Kind guttut.
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Und die meisten haben mit dem Anti-Semitismus von vor 50 Jahren nix zu tun. Also, was soll das? Was hat das mit den Problemen des 21ten Jahrhunderts zu tun? Wie gesagt, wenn der Friedman jetzt wieder in einem Interview seine unglückliche Kindheit als Erklärung für sein Fehlverhalten bringt, dann läuft da doch mit seiner Problembearbeitung was schief! Deswegen muß ich (in den 60ern geboren) aber kein schlechtes Gewissen haben. Ich hab dem Mann nie was getan. Also, was soll's?
Nicht das lahme Wischiwaschi von Will & Co, aber auch nicht die unfairen Methoden und die hohle Polemik von Friedman! Sondern in der Sache harte, aber respektvolle und intelligente Fragen! Nach denen man den Gesprächspartner antworten läßt, und nicht ins Wort fällt. Wär das nicht mal was? Ein völlig neues, innovatives Konzept! :D
...aber Sie nicht! Und es war auch so ziemlich der einzige (noch vorhandene), wo man eventuell Anti-Semitismus vermuten kann. Wobei es auch dort zunächst um Kritik an der Israelischen Politk, und an deren Verteidigern geht. Und soweit ich gesehen habe, war in den meisten der gelöschten Beiträgen auch kein Anti-Semitismus zu finden, sondern andere Verstöße gegen die Netiquette. Eine ziemlich schwache Basis also, um hier Behauptungen über "Generalabwertungen" aufzustellen! Also, ich bleibe bei meiner Meinung daß Sie da übertreiben.
"Schon wieder dieses Blindgänger-Argument, hört das denn nie auf? Wer hat sie denn bitte "immer wieder" persönlich für deutsche "Schuld" verantwortlich gemacht?"
Wenn ich in diesem Forum die israelische Politik verurteile, die ich im übrigen für menschenverachtend halte, dann kommt regelmäßig der Verweis darauf, dass ich das nicht so sagen könne, weil ich Deutsche bin. Es wird regelmäßig auch von diversen Politikern so argumentiert, man dürfe dieses oder jenes nicht tun oder sagen, weil wir eine besondere Historie haben.
Ich lasse mir aber ungern den Mund verbieten. Noch dazu, wenn ich für etwas verantwortlich gemacht werden soll, das ich nicht getan habe. Ich bin Individualistin! Wieso darf ich mich nicht über die israelische Politik äußern wie ein Franzose, ein Italiener oder ein Pole? Natürlich, weil ich veranwortlich gemacht werde als Deutsche. Oder wollen Sie etwa bestreiten, dass es in Deutschland immer noch Maulkörbe zu diesem Thema gibt?
Nochmal, für mich zählt nur der Mensch - ohne Etikett. Ich wünsche mir, dass das endlich mal in die Köpfe der Menschen geht und dass wir endlich normal streiten, normal diskutieren und miteinander leben können.
dass Anne Will, Frank Plasberg, Maybrit Illner, etc nicht etwas mehr "Friedman" sind. Ihre Sendungen wären dann dann wenigstens ab und zu sehenswert.
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