Proteste in Venezuela Die Kapitalisten kommen nach Venezuela

Der Präsident Venezuelas lässt Straßenproteste blutig niederschlagen. In den zwei vergangenen Monaten starben 60 Demonstranten.

(Foto: Fernando Llano/dpa)
  • Die Bank Goldman Sachs hat massenhaft Anleihen eines Staatskonzerns in Venezuela gekauft. Kritiker werfen der Bank vor, damit den sozialistischen Präsidenten Maduro zu unterstützen.
  • In den vergangenen Monaten hatte Maduro das Parlament weitgehend entmachtet, bei heftigen Protesten im Land starben etwa 60 Menschen.
  • Parlamentsvertreter haben die großen Banken der westlichen Welt immer wieder aufgerufen, Maduro nicht länger Geld zu leihen. Doch das ist ein lukratives Geschäft.
Von Claus Hulverscheidt, New York, und Benedikt Peters

Es schien eine Wette zu sein, wie man sie nur selten angeboten bekommt: ein Präsident, der die Kreditwürdigkeit seiner Regierung um fast jeden Preis erhalten will, ein Land, das auf riesigen Ölvorkommen sitzt, ein Wertpapier, das auf Jahre hinaus Renditen von 40 Prozent verspricht - kein Wunder, dass Goldman Sachs einschlug. Doch nur wenige Tage nachdem sich die US-Investmentbank in großem Stil mit Unternehmensanleihen aus Venezuela eingedeckt hat, schwant den Konzernoberen in New York, dass die Sache auch gehörig schiefgehen könnte: Der Präsident stürzt, das Papier wird wertlos - und die Bank hat zusätzlich zum Imageschaden neue juristische Probleme. Am Mittwoch standen die Chancen für beide Szenarien bei etwa 50 zu 50.

Was war passiert? Goldman Sachs hatte vergangene Woche Anleihen des staatlichen venezolanischen Ölkonzerns PDVSA gekauft. Dass Firmen sich über die Ausgabe solcher Schuldverschreibungen Geld leihen, ist völlig normal. Alle weiteren Begleitumstände waren es jedoch diesmal nicht. So musste Goldman für die Bonds im Nominalwert von 2,8 Milliarden Dollar laut Wall Street Journal gerade einmal 865 Millionen zahlen, weil der Kurs der Papiere wegen der Rezession in Venezuela und der Angst vor einer Staatspleite eingebrochen war. Hinzu kommt: Verkäufer der Anleihen war die venezolanische Zentralbank, die nicht etwa unabhängig ist, sondern dem sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro zuarbeiten muss. Eine staatliche Bank verkauft also Anleihen eines staatlichen Konzerns - da war rasch klar, wer der eigentliche Nutznießer des Geldsegens sein würde. Goldman, so Regierungskritiker in Caracas, habe "einem gewalttätigen Diktator den Rettungsring zugeworfen".

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Maduro, der 2013 die Nachfolge des verstorbenen Hugo Chávez angetreten hatte, versucht seit Jahren vergeblich, mit den Folgen des eingebrochenen Ölpreises klarzukommen. Im Gegensatz zu anderen Förderländern ist Venezuela nicht in der Lage, die dramatisch gesunkenen Einnahmen durch eine höhere Produktion auszugleichen. Dafür fehlen nach Jahren des Missmanagements und ausgebliebener Investitionen schlicht die nötigen Maschinen.

Mittlerweile ist das Land in einer Situation, die mit dem Begriff "Wirtschaftskrise" nur unzureichend beschrieben ist, denn es mangelt schlicht an allem: Nach Angaben des Apothekerverbands fehlen bis zu 90 Prozent der nötigen Medikamente, Lebensmittel wie Mineralwasser, Milch und Brot sind knapp, sogar das Toilettenpapier ging zeitweise aus. Weil die Schwarzmarktpreise stetig steigen, leiden immer mehr Menschen Hunger. Laut Internationalem Währungsfonds ist die Wirtschaftsleistung allein 2016 um 18 Prozent gesunken, 2018 dürfte die Inflationsrate 2000 und die Arbeitslosenquote fast 30 Prozent erreichen.

In der Demokratie, die Venezuela einmal war, hätte die katastrophale Lage wohl längst zu einem Regierungswechsel geführt - und tatsächlich verlor Maduro bei den Wahlen 2015 die Mehrheit im Parlament. Doch der Präsident entmachtete die Abgeordneten weitgehend und regiert seither mit Notstandsgesetzen. Die immer lauteren Straßenproteste lässt er blutig niederschlagen. Allein in den vergangenen zwei Monaten starben 60 Demonstranten.

Führende Parlamentsvertreter haben die großen Banken der westlichen Welt immer wieder aufgerufen, Maduro nicht länger Geld zu leihen. Doch viele Kapitalverwalter kümmert der Appell nicht: Sie fürchten, bei einem Verzicht auf die renditestarken venezolanischen Bonds mit ihren Portfolios hinter der Entwicklung wichtiger Vergleichsindizes zurückzubleiben. Dass die Wellen nun ausgerechnet im Fall Goldman Sachs so hoch schlagen, dürfte mit der Bekanntheit der Bank, den politischen Verflechtungen und ihrer Rolle als eine Art Ikone des Kapitalismus zu tun haben.

Der Fall erinnert an Argentinien und die "Geierfonds"

Der Fall Venezuelas erinnert an die Staatspleite Argentiniens, die das Land 2002 von den internationalen Finanzmärkten abschnitt und ihm einen jahrelangen beispiellosen Rechtsstreit mit sogenannten Geierfonds bescherte. Diese hatten argentinische Anleihen zu Spottpreisen aufgekauft, sich dem mit anderen Gläubigern vereinbarten Teilschuldenerlass verweigert und das Land stattdessen in den USA auf die Rückzahlung der vollen Beträge verklagt. Erst 2016 wurde der Konflikt gelöst - die "Geierfonds" kamen sehr viel besser davon als viele andere Gläubiger.

Den argentinischen Weg will Maduro unbedingt vermeiden, denn eine Staatspleite wäre wohl sein politisches Ende. Verweigerte er Zins- und Tilgungszahlungen auf die Auslandsschulden von etwa 170 Milliarden Dollar, könnten die Gläubiger vergleichsweise leicht etwa Öllieferungen von PDSVA pfänden lassen. Mit dem Verlust des letzten großen Devisenbringers jedoch geriete Venezuela noch tiefer in die Krise. Statt Brot und Medikamente zu kaufen, überwies Maduro deshalb jüngst erst wieder eine Rate von 2,2 Milliarden Dollar an die ausländischen Geldgeber. Ein "Sozialismus, der Investoren gefällt" sei das, schrieb die österreichische Tageszeitung Der Standard bereits vor fast einem Jahr.

Derweil wehrt sich Goldman Sachs gegen Kritik, die Bank wolle sich am Niedergang eines Landes noch finanziell bereichern. Man wisse, dass die Lage in Venezuela "komplex" sei und "dass sich das Leben dort verbessern muss", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Man habe aber nichts getan, was nicht viele andere Vermögensverwalter auch getan hätten. Auf den Vorwurf, die Herrschaft eines Diktators künstlich zu verlängern, geht Goldman in der Erklärung hingegen nicht ein. Erst vor Tagen hatte der renommierte Harvard-Ökonom und frühere venezolanische Planungsminister Ricardo Hausmann Anleihen, wie sie die US-Bank jetzt gekauft hat, als "Hungerbonds" bezeichnet.

Das Parlament in Caracas verabschiedete in der Nacht zu Mittwoch eine Resolution, in der eine eingehende juristische Prüfung des Goldman-Geschäfts angekündigt und auch der US-Kongress zu einer Untersuchung aufgefordert wird. Parlamentspräsident Julio Borges ging bereits einen Schritt weiter: Goldman Sachs habe sich offenbar entschieden, "mit dem Leiden des venezolanischen Volks einen schnellen Dollar zu verdienen", schrieb er in einem Brief an Bankchef Lloyd Blankfein. Angesichts der "irregulären" und "absurden" Umstände des Anleihekaufs sollte eine künftige Regierung, "diese Bonds nicht anerkennen und auch keine Zahlungen leisten".

Ob die Wette, die Goldman Sachs eingegangen ist, aufgeht, hängt also vor allem vom politischen Schicksal Maduros ab. Noch stehen dem Präsidenten das Militär sowie die Colectivos zur Seite, bewaffnete bürgerwehrähnliche Gruppen, die die "chavistische Revolution" beschützen sollen. Doch selbst wenn das Land endgültig in Chaos und Gewalt versinken und die Wette platzen würde, könnte Goldman Sachs den Verlust leicht verschmerzen. Manch hungernder Venezolaner vermutlich nicht.

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