Probleme beim Recycling Wettkampf um den Müll

Geschirr und Behälter aus Plastik - weit über 280 Millionen Tonnen Plastik werden jährlich weltweit produziert. 19,5 Millionen davon allein in Deutschland.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Deutschland ist Weltmeister in der Wiederverwertung. Doch die Recyclingbetriebe buhlen mit Müllverbrennungsanlagen um den Abfall aus Plastik. Am Ende wird vieles verbrannt. Das müsste nicht so sein.

Von Lillian Siewert und Valérie Müller

Kunststoff ist ein vielfältiger Stoff: mal hart und mal zäh, mal biegsam und mal weich. Kunststoff dient als Verpackungsmaterial oder Textilfaser, wird bei der Wärmedämmung oder in Kleber sowie Kosmetika eingesetzt. Knapp 58 Milliarden Euro setzt die deutsche Industrie mit Kunststoffen aller Art um - eine gewaltiges Geschäft.

Nur: Wenn es um das Recycling geht, werden die vielfältigen Eigenschaften von Kunststoff zum Problem. So werden in Deutschland mehr als 90 Prozent aller Plastikabfälle wieder eingesammelt - aber nur 43 Prozent davon wird auch recycelt und anschließend noch einmal eingesetzt. Weit mehr als die Hälfte, insgesamt 55 Prozent der Abfälle, werden dagegen verbrannt; sie landen in Müllverbrennungsanlagen und werden für die Gewinnung von Strom und Wärme genutzt oder direkt als Ersatzbrennstoff eingesetzt.

Muss das so sein? Nein, sagt das Umweltbundesamt. Die Behörde sieht "noch viel Potenzial nach oben", wenn es darum geht, Plastikabfälle zu recyceln, anstatt sie zu verbrennen. Woran aber liegt es, das so viel Plastik verloren geht, anstatt es wieder zu verwenden?

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Wo der Plastikmüll landet

Ein Teil geht beim Sortieren verloren - und zwar ganz einfach, weil die Sortieranlagen manche Kunststoffe schlicht nicht erkennen. Der größte Teil des Mülls aber wird erst gar nicht sortiert, sondern landet direkt in den Müllverbrennungsanlagen. Denn es herrscht zwischen den Entsorgern ein unermüdlicher Wettbewerb um Plastik - und die liefern ihre Abfälle dorthin, wo sie am meisten Geld bringen. Und es ist nun mal günstiger, den Müll zu verbrennen, anstatt ihn zu recyceln. "In Deutschland tobt ein Preiskampf zwischen Verbrennungs- und Recyclingindustrie", sagt Matthias Franke vom Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik.

Dabei gilt Deutschland im Ländervergleich der Müllstatistik als Recycling-Spitzenreiter: 65 Prozent des kommunalen Abfalls werden wiederverwendet. In dieser Zählung sind nicht nur Kunststoffabfälle, sondern auch Glas und Papier enthalten - diese lassen sich nahezu vollständig recyceln. Ihre hohen Quoten treiben daher den Schnitt insgesamt nach oben. In den 65 Prozent Wiederverwendung sind nicht nur Recycling, sondern auch Kompostierung inbegriffen.

Zieht man letzteres ab, bleiben lediglich 47 Prozent des Abfalls übrig. Davon wird nur ein Drittel recycelt, der Rest landet in Brennöfen und fällt damit unter die so genannte energetische Verwendung. "Bei Kunststoff herrscht deutlicher Nachholbedarf, wenn es um die stoffliche Verwertung geht", sagt ergänzt der Mann vom Fraunhofer-Institut.

Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) geht in Deutschland insgesamt von einer PET-Sammelrate von 91 Prozent aus.

(Foto: DPA-SZ)

Die Chipstüte überfordert die Sortieranlagen

Ein Grund dafür ist die oft mangelnde Qualität der Plastikverbindungen. Anders als beim sortenreinen Glas und Papier schwankt die Qualität von Kunststoffen extrem. Besonders Mischkunststoffe wie Chipstüten oder Zahnpastatuben stellen Recyclingbetriebe vor große Herausforderungen. Sie bestehen aus verschiedenen Plastiksorten, die sich nur schwer und damit entsprechend teuer trennen lassen. So landen sie meist in den Müllverbrennungsanlagen.

Qualitativ hochwertiges Plastik wie zum Beispiel die PET-Flasche wird in der Regel zu Mahlgut zerkleinert, zu so genannten PET-Flakes. Zieht man die Verschlusskappe und das Etikett ab, können vom Plastik einer PET-Flasche in etwa 80 bis 85 Prozent als Mahlgut zurückgewonnen werden. Die kleinen Plastik-Kügelchen werden anschließend weiterverarbeitet, meist jedoch nicht für neue Flaschen. Denn aus hygienischen Gründen dürfen aus dem größten Teil des recycelten Plastiks keine Lebensmittelverpackungen entstehen. Dafür findet man das wiederverwendete Plastik in Fasern für Windeln, Fleece-Pullover oder Teddybären.

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Billig. Vielseitig. Haltbar. Plastik hat sich über alle Welt verbreitet - mit Folgen: Es ist selbst in entlegensten Weltregionen allgegenwärtig, und seine Haltbarkeit ist zum Fluch geworden.

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Der Joghurtbecher landet oft im Müllofen

Doch die Probleme bei der Wiederverwertung fangen schon vorher an. Ein Großteil des wertvollen Plastiks geht nach Angaben des Verbands kommunaler Unternehmen bereits beim Trennen und Sortieren verloren. Ein Beispiel: die gelbe Gummiente aus Kindheitstagen. Sie gilt nicht als Verpackung und gehört damit nicht in die in einigen Bundesländern verbreitete gelbe Tonne für Verpackungen, sondern in die graue oder schwarze Tonne für den Restmüll. So ließe sich das Material der Gummiente durchaus wiederverwerten.

Auch in den Sortierbetrieben bleibt ein Teil des wertvollen Plastiks auf der Strecke - und landet im Müllofen. Das gilt zum Beispiel für schwarze Kunststoffe aus Fahrzeugen. Auch moderne Infrarot-Technik kann sie auf dem Laufband nicht erkennen. Ebenso scheitern die Sortieranlagen bei Joghurtbechern, die mit einem Aluminiumdeckel oder nicht-wasserlöslichen Etiketten versehen sind. Deshalb ist es wichtig, dass die Verbraucher die verschiedenen Kunststoffarten sauber voneinander trennen, bevor sie diese wegwerfen. Also sollte man den Deckel von Plastikbechern entfernen.

Besser ist die Situation bei den PET-Flaschen: 91 Prozent aller Flaschen werden wieder eingesammelt, rechnet der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung vor. Bei Flaschen mit Pfand beträgt die Rücklaufquote sogar 98 Prozent. Sowohl der Verband als auch das Umweltbundesamt versichern, dass die PET-Flaschen nahezu vollständig ins Recycling gehen. Denn die Pfandflaschen werden sauber getrennt und sortiert, außerdem ist PET qualitativ hochwertiges Plastik und daher einfacher zu recyceln.

Kampf um den Abfall

Aber es gibt noch einen weiteren, entscheidenden Grund, warum Plastik oft nicht recycelt wird: der harte Wettkampf zwischen der Recycling-Branche und den rund 70 deutschen Müllverbrennungsanlagen. Auch wenn die Politik es gerne anders hätte und sowohl die EU als auch die Bundesregierung das Recycling bevorzugt - die Realität ist oft anders: "In der Praxis hat die Müllverbrennung häufiger die Nase vorne", sagt Michael Angrick vom Umweltbundesamt. Denn zum Verfeuern eignet sich Plastik aufgrund seines Erdölanteils besonders gut. Das Aufbereiten von Plastik ist hingegen teuer.

Bewahrheiten sich die Prognosen des Umweltbundesamtes, wird das Müllaufkommen in Deutschland in den kommenden Jahren sinken. Bleibt die Kapazität der Müllverbrennungsanlagen unverändert, könnte sich der Kampf um den Abfall verschärfen. Weil die Betreiber ihre Öfen füllen müssen, hätte das Recycling noch schlechtere Chancen als bisher. "Dann müsste man wahrscheinlich marktregulierend eingreifen", sagte Angrick. Um die brennenden Anlagen zu füllen, werden bereits große Mengen Abfall aus dem Ausland importiert. 2012 waren es laut Umweltbundesamt knapp 5,9 Millionen Tonnen - darunter Sondermüll, Altmetalle, Bauschrott und eben auch Kunststoffe.

Wertstofftonne bringt höhere Recyclingquoten

Um das Recycling von Plastik zukünftig zu verbessern, wird seit Jahren über die Wertstofftonne diskutiert. In manchen Städten gibt es sie schon - allerdings mit unterschiedlichen Vorgaben. Im Herbst möchte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ein Konzept vorlegen, wie die Wertstofftonne bundesweit eingeführt werden kann.

In der Werkstofftonne sollen die Bundesbürger neben Plastikverpackungen, die sie bislang in die gelbe Tonne geworfen haben, auch andere Abfälle aus Kunststoff oder Metall entsorgen können. Derzeit landen auch viele andere Plastikabfälle in der grauen Restmülltonne, obwohl sie recycelt werden könnten. Experten des Umweltbundesamtes schätzen, dass die Bundesbürger in einer einheitlichen Wertstofftonne erheblich mehr Verpackungen sammeln würden: Pro Einwohner könnte die recycelte Menge im Durchschnitt um sieben Kilogramm steigen.