Probleme beim Berliner Flughafen lange bekannt Blamage mit Ansage

Wer ist verantwortlich für die geplatzte Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens? Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der Aufsichtsrat des Projekts, will keine Schuld tragen. Dabei offenbaren Prüfberichte: Die Aufseher wussten frühzeitig von großen Problemen.

Von Constanze von Bullion, Berlin, und Klaus Ott

Manchmal ist es nur ein einziges Wort, das verrät, was keiner verraten will. Die Terminplanung und Eröffnung des neuen Berliner Großflughafens "gilt weiterhin als gesichert" - so steht es, nicht nur einmal, in Prüfberichten über die Großbaustelle. So wurde es, nicht nur einmal, den Aufsichtsräten vorgelegt. Und so haben diese es, nicht nur einmal, weitergewunken.

Auszüge aus dem "Controllingbericht Nr. 03/11"

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Aber was heißt das eigentlich: Die Eröffnung "gilt als gesichert"? Warum steht da nicht: Sie "ist gesichert"?

Berlin, Großflughafen Willy Brandt. Ein Quader aus Glas und Beton steht hier inmitten von Baugerät und Containern beim alten DDR-Flughafen Schönefeld. Die Rollbahnen sind geteert, der Tower ist in Betrieb, und eigentlich sollte am kommenden Wochenende eine neue Ära für die Region anbrechen. Der Flughafen mit dem Kürzel BER ist Ostdeutschlands wichtigstes Infrastrukturprojekt und wird Europas modernster Flughafen, dachten viele. Das Milliardenprojekt sollte einer wirtschaftlich benachteiligten Region den nötigen Anschub geben.

Endlich.

Inzwischen steht das Kürzel BER nicht mehr fürs Vorwärts, sondern für ein spektakuläres Bremsmanöver - und ein politisches Fiasko. Es ist nicht nur dem landestypischen Schlendrian zu verdanken, sondern auch einem Konstruktionsfehler, der schon vielen Staatsbetrieben und Landesbanken zum Verhängnis wurde: der Kontrolle vor allem durch Politiker. Im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft - die Anteile gehören Berlin, Brandenburg und dem Bund - sitzen 15 Leute. Acht sind Regierungschefs, Minister, Staatssekretäre; dazu kommen ein Hotelmanager, ein Banker sowie fünf Belegschaftsvertreter, meist Betriebsräte.

Mal davon abgesehen, dass einer der Politiker im Aufsichtsrat - Rainer Bomba, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium - Ingenieur vom Fach ist: Warum wird ein solches Kontrollgremium nicht von Spezialisten dominiert, denen selbst kleinste Hinweise auf drohende Probleme auffallen? Die mit dem nötigen Fachwissen nachbohren und frühzeitig Alarm schlagen, wenn etwas nicht läuft? Fingerzeige gab es ja genug.

Kostenexplosion war absehbar

Drei Controllingberichte, die vom April 2012 bis in den September 2011 zurückreichen und der Süddeutschen Zeitung vorliegen, erzählen die Geschichte einer angekündigten Blamage. Demnach gab es schon im Frühherbst 2011 zahlreiche Hinweise auf technische Probleme. Sie weiteten sich aus wie eine Lawine. Auch eine Kostenexplosion auf der Baustelle zeichnet sich da ab, weil wieder und wieder umgeplant wurde und immer neue Verzögerungen mit immer mehr Personal aufgeholt werden sollten. Der Flughafen, dessen Bau erst 2,4 Milliarden Euro kosten sollte, liegt jetzt bei 2,9 Milliarden Euro. Verluste durch den kurzfristig verschobenen Umzug sind da noch gar nicht mitgerechnet.

Der Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft, Klaus Wowereit, will an dem Schlamassel keine Schuld tragen, seine Aufsichtsräte stellen das ähnlich dar. Erst am 6. Mai wollen sie erfahren haben, dass der Eröffnungstermin am 3. Juni nicht zu halten sei. Was folgte: lange Geschichter, Entschuldigungen, der Rausschmiss eines Geschäftsführers und einer Planungsgemeinschaft - und die Behauptung, man sei von Planern, externen Beratern und Geschäftsführern an der Nase herum geführt worden. Diese hätten den Aufsichtsräten zwar von Problemen und einem kritischen Terminplan berichtet, nie aber davon, dass die Eröffnung ernsthaft in Gefahr war.

"Dass die nicht rechtzeitig Alarm schlagen, dafür hat mir die Phantasie nicht ausgereicht", sagte Wowereit vor versammelter Presse. "Die", das sind selbstverständlich die anderen.