Pro TTIP Die Hoffnung der anderen

Containerschiffe im Hamburger Hafen: Freier Warenverkehr = freie Gesellschaft?

(Foto: dpa)

Junge Leute, die sich gegen TTIP engagieren? Kein Problem. Befürworter von TTIP finden sich weniger leicht - aber es gibt sie, auch jenseits der großen Konzerne. Eine Spurensuche im Netz.

Deutsche Journalistenschule, 52. Lehrredaktion

Wir wollen Menschen finden, die sich für TTIP engagieren, vielleicht sogar junge Menschen, die sich politisch engagieren - für Freihandel. Junge Menschen zu finden, die gegen TTIP wettern: kein Problem. Aber dafür? Auf der Suche stoßen wir auf "Pro TTIP", eine Facebook-Seite, auf der sich Befürworter austauschen. Wir schreiben eine Nachricht - und warten auf Antwort. Nach Tagen meldet sich Igor: Er habe Zweifel, zu viele Journalisten berichten kritisch über TTIP. Andererseits, sagt er, sei es wichtig, über die Pro-Argumente zu sprechen.

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"Hoffnung oder Hysterie: Was bedeutet das Freihandelsabkommen TTIP für uns?" Diese Frage hat unsere Leser in der sechsten Abstimmungsrunde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur TTIP-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Igor ist 29, er studiert Wirtschaftswissenschaften und Soziologie in Dortmund. Freihandel, sagt er, sei eines der wichtigsten Ziele liberaler Politik. Er ist davon überzeugt, dass freier Warenverkehr der Grundstein für eine freie Gesellschaft ist. Vor dem Studium machte Igor eine Ausbildung zum Speditionskaufmann.

Während unzählige Seiten im Internet, vor allem auf Facebook, mobilmachen gegen TTIP, gab es bis vor wenigen Monaten keine Seite, auf der sich Befürworter austauschen konnten. Igor wollte das ändern und gründete im April "Pro TTIP" - eine Facebook-Seite, auf der sich Befürworter vernetzen und austauschen können. Wir treffen Igor via Skype. Im Hintergrund, an der Zimmerwand, hängt eine Deutschlandkarte.

Auf Facebook postet Igor Links zu Seiten der EU-Kommission. Den Vorwurf, die Verhandlungen zu TTIP seien intransparent, kann er nicht nachvollziehen: "Man muss wirklich nur die EU-Verhandlungspositionen lesen und dann weiß jeder, woran er ist", sagt er.

Igor, warum engagierst du dich für TTIP?

Igor: Begonnen hat alles mit der Ukraine-Krise. Ich habe gemerkt, dass Linke und Rechte im Antiamerikanismus ein gemeinsames Thema gefunden haben. Deutschland hat ja schon 140 Investitionsschutzverträge mit anderen Staaten, die haben niemanden gestört. TTIP ist ein ähnliches Abkommen.

Im Shitstorm

"Ich bekomme Spam und Shitstorms - aber ich versuche, locker damit umzugehen." mehr ...

Da habe ich mir gedacht: Warum gibt es nicht eine einzige Facebook-Seite, die für TTIP ist, die mit Vorurteilen aufräumt? Ich höre oft das beliebte Argument "Freihandel braucht keine Staatsverträge", doch so einfach ist das nicht. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Staat einseitig seine Zölle und Handelsbeschränkungen aufhebt - weil er Nachteile befürchtet. Oft braucht man Staatsverträge, die Handelsbeschränkungen auf beiden Seiten reduzieren.

Gibt es Punkte, die du kritisch siehst?

Igor: Ich kritisiere TTIP, weil es viele Ausnahmen gibt. Der Kulturbereich ist zum Beispiel beinahe vollständig ausgenommen. Ich bin selbst Konzertveranstalter und muss um jeden Gast kämpfen, während staatliche Institutionen Subventionen bekommen. Ihre Existenz wird nicht ständig hinterfragt. Es gibt keinen Liberalisierungsdruck, das stört mich.

Welche Aspekte betreffen dich persönlich?

Igor: Ich würde vom Freihandel profitieren wie jeder andere auch: günstigere Produkte, mehr Produkte. Freihandel ist der Schlüssel zum Wohlstand. Die Handelsbilanz zwischen den USA und Europa, und vor allem Deutschland, ist wirklich immens. Kritiker behaupten, dass mit dem Freihandelsabkommen ein Wirtschaftswachstum von nur 0,5 Prozent generiert würde. In den Dimensionen, von denen wir hier reden, ist das gewaltig.

Bekommst du viel Gegenwind?

Igor: Ich bekomme Spam und Shitstorms - aber ich versuche, locker damit umzugehen.

Verstehst du die TTIP-Gegner?

Igor: Es gibt vernünftige Leute, die sich Sorgen machen um Umweltstandards und dergleichen. Viele Dinge, vor denen Gegner Angst haben, sind für mich positiv. Zum Beispiel der Investitionsschutz: Wenn ich Unternehmer bin und in einem anderen Land eine Fabrik aufbauen möchte, dann muss ich planen können. Und nicht mit der Gefahr leben, enteignet zu werden, weil irgendein Extremist an die Macht kommt.