Katastrophe in Ostafrika Zynisches Geschäft mit dem Hunger

Es sind skrupellose Geschäfte: Obwohl in Ostafrika Millionen Menschen hungern, scheinen die Regierungen der betroffenen Länder kein Mitleid mit ihren Völkern zu haben. Sie verkaufen fruchtbares Land an ausländische Investoren - das könnte die Katastrophe verschärfen.

Von Silvia Liebrich

Es ist purer Zynismus: Während am Horn von Afrika Millionen von Menschen unter der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren leiden und vom Hungertod bedroht sind, vergeben Regierungen der betroffenen Länder immer mehr fruchtbares Ackerland an ausländische Investoren.

Beispiel Äthiopien. Das Land steht derzeit nach Informationen der britischen Menschenrechtsorganisation Survival International in Verhandlungen mit Unternehmen aus Italien, Malaysia und Südkorea. Dabei geht es um die langfristige Verpachtung von Ländereien im Südwesten des Landes, der bislang kaum von der Dürre betroffen ist und wo sich die Bevölkerung derzeit noch selbst versorgen kann.

Nach dem Plan der Behörden sollen dort künftig Pflanzen für die Produktion von Nahrungsmitteln und Ökotreibstoffen angebaut werden, die vor allem in den Export gehen dürften. Davor warnt Stephen Corry, Direktor von Survival International.

Unter anderem 2,5 Quadratkilometer Fläche seien für den Anbau von Zuckerrohr vorgesehen, aus dem Biosprit gewonnen wird. Im Fokus von Regierung und Investoren steht den Angaben zufolge vor allem das wasserreiche Omo-Tal, wo derzeit mehr als 90.000 Kleinbauern mit ihren Familien als Selbstversorger leben. Sie müssen nun damit rechnen, von ihrem Land vertrieben zu werden.

Äthiopien hat bereits in Vergangenheit mehr als eine Million Hektar an ausländische Interessenten, unter anderem aus China, Indien oder Saudi-Arabien, vergeben. Knapp zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzungsfläche in Äthiopien befinden sich damit bereits in der Hand internationaler Geldgeber, schätzen Experten.

Spekulanten und Unternehmen investieren seit einigen Jahren weltweit massiv in Ackerland, vor allem in Afrika. Land ist dort meist billig zu haben und es lockt die Aussicht auf hohe Gewinne. Die Weltbevölkerung wächst und will mit Nahrung versorgt werden.

"Der Ausverkauf verschärft das Hungerproblem"

Auch die Hilfsorganisation Oxfam kritisiert, dass diese Geschäfte meist zu Lasten der lokalen Bevölkerung gehen. "Der Ausverkauf von Land an Investoren verschärft das Hungerproblem", kritisiert Marita Wiggerthale, Agrarexpertin bei Oxfam. Die neuen Herren würden meist viel versprechen und nur wenig davon halten, auch weil es bei dieser Art von Geschäften - auch Land Grabbing oder Landraub genannt - an Transparenz fehle.

Von der derzeitigen Hungerkatastrophe in Ostafrika sind neben Menschen in Somalia und Kenia auch 4,5 Millionen Äthiopier betroffen. In diesem Jahr muss Äthiopien sechs Prozent seiner Nahrungsmittel importieren. Zwei Drittel davon stammen laut Wiggerthale aus internationalen Hilfslieferungen. Um die jetzige Hungerkatastrophe in Ostafrika einzudämmen sind nach Angaben der Vereinten Nationen vom Freitag mindestens 1,4 Milliarden Dollar notwendig, 400 Millionen Dollar mehr, als bisher erbeten wurden.

Dass der Ausverkauf von Land trotz Hungersnot weitergeht, bestätigt auch Misereor-Referent Wilhelm Thees. Internationaler Druck habe hier bis dato wenig bewirkt, sagt der Mitarbeiter der katholischen Organisation.

Ein großes Problem der Landgeschäfte ist außerdem, dass die Pachtverträge meist sehr lange Laufzeiten von bis zu 99 Jahren haben und somit die künftige Handlungsfähigkeit der Regierungen drastisch einschränken. Kritik an dieser Politik wird in Äthiopien vehement zurückgewiesen. Ausländische Investoren seien wichtige Partner um die Landwirtschaft des Landes voranzubringen, meint Premierminister Meles Zenawi.

Survival-Chef Corry teilt diese Ansicht nicht. Er befürchtet, dass auch die Bewohner des Omo-Tals künftig auf fremden Plantagen arbeiten müssen. "Sie werden so zu Hunger und Armut verdammt, was schon viele ihrer Landsleute erfahren."