Neuer Indikator für Wohlstand Deutschland - endlich gefühlsecht

Wie gut geht es den Bürgern? Die deutsche Politik will einen neuen Indikator für Wohlstand entwickeln. Darin soll es nicht mehr nur um schnödes Wachstum gehen, sondern auch um Aspekte wie Bildung, soziale Sicherung und subjektive Zufriedenheit.

Von Fabian Heckenberger

BIP, das klingt wie ein Spitzname, ein bisschen wie eine Mischung aus Fips und Beppo. So sprechen die Vertreter aus Wirtschaft und Industrie gern über das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP: wie über einen Freund, den man seit Jahrzehnten kennt; der zwar ein paar Macken hat, auf den man sich aber verlassen kann und der treu die Daten zur Konjunktur, der Lebenslinie der Wirtschaft, liefert. Der gute, alte Freund könnte in Deutschland demnächst einen mächtigen Rivalen bekommen. "Das BIP ist nicht der Gradmesser für die Zufriedenheit der Menschen in einer Gesellschaft. Genau die steht aber immer mehr im Fokus", sagt Ulrich van Suntum, Leiter des Zentrums für angewandte Wirtschaftsforschung an der Universität Münster.

Die Debatte ob es richtig ist, den Wohlstand eines Landes allein über den Wert der dort produzierten Waren und Dienstleistungen zu definieren, ist nicht neu, aber sie gewinnt rasant an Fahrt, und zunehmend widmet sich auch die Politik diesem Thema. Mitte dieser Woche einigten sich die Fraktionsspitzen von Union, FDP, SPD und Grünen im Bundestag auf einen gemeinsamen Antrag zur Einsetzung einer Enquete-Kommission mit dem Namen "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität". Das Gremium soll "einen neuen Indikator entwickeln, der das BIP ergänzt", heißt es im Antragsentwurf, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

"Nicht einfach zur Tagesordnung übergehen"

Acht verschiedene Aspekte sollen laut Antrag zu einem Indikator zusammengefasst werden, der neben dem wirtschaftlichen Wachstum den Wohlstand einer Gesellschaft abbilden soll: der materielle Lebensstandard, die Qualität der Arbeit, die Verteilung von Wohlstand, der Zustand von Natur und Umwelt, die Chancen auf Bildung, die Lebenserwartung, die soziale Sicherung und die subjektiv empfundene Zufriedenheit der Menschen in Deutschland.

SPD und Grüne hatten den Antrag initiiert, Union und FDP haben sich in den vergangenen Wochen angeschlossen. "Man darf nach der Finanzkrise nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen, indem man vor das Wort Wachstum lediglich den Begriff nachhaltig setzt, ohne den Begriff mit Inhalt zu füllen", sagt SPD-Vizefraktionschef Hubertus Heil. Das sieht die Bundeskanzlerin offenbar ähnlich. "Sicherheit, Teilhabe, Bildung und vieles andere mehr gehört zu einem nachhaltigen Wachstumsbegriff", sagte Merkel kürzlich in Berlin. Die Kritik aus der Wirtschaft an einem neuen Indikator habe sie eher angestachelt, diesen Weg weiterzuverfolgen, so Merkel. Anfang Dezember wird der Bundestag über das Gremium aus 17 Abgeordneten und 17 Experten beschließen.

Der Anspruch ist hoch. In solch einem neuen Indikator müssten unterschiedlichste Faktoren von Bildungschancen bis hin zur Wasserqualität von Flüssen zusammengerechnet werden. Gelänge das, könnte ein machtvolles politisches Instrument entstehen, eine Art nationale Variante des jährlich veröffentlichten Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen, in den neben dem Wirtschaftswachstum auch Bildungsgrad und Lebenserwartung der Bevölkerung mit einfließen.

Auch auf europäischer Ebene arbeiten Deutschland und Frankreich an einem solchen Konzept. Auf Initiative von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatten die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz aus den USA und Amartya Sen aus Indien vor einem Jahr ein Grundlagenpapier für einen neuen Wachstumsindikator vorgelegt. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und der französische Conseil d'analyse économique (CAE) sollen bis Ende des Jahres konkrete Vorschläge für einen alternativen Indikator vorlegen, mit dem der Wohlstand in den europäischen Ländern vergleichbar gemacht werden könnte.

Vier Komponenten und ein Fortschrittsindex

Ein ähnliches Modell legte am Mittwoch das von der Deutschen Bank geförderte Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt in Frankfurt vor. Im sogenannten "Fortschrittsindex" werden die vier Komponenten Einkommen, Lebenserwartung, Schüler- und Studierendenquote sowie der ökologische Fußabdruck von 1998 bis zum Jahr 2008 zu einem Indikator zusammengeführt. Deutschland liegt unter 22 untersuchten Ländern auf Platz 18. Bei Umwelt, Einkommen und Lebenserwartung befindet sich Deutschland im Mittelfeld. "Der Bildungsbereich ist die Schwachstelle", heißt es in dem Bericht. An der Index-Spitze stehen Norwegen, Schweden und Finnland.

Allerdings sind solche Indikatoren umstritten. Kritiker bemängeln vor allem, dass bislang nicht geklärt ist, warum welche Daten in einen aggregierten Index einfließen, wie stark diese gewichtet werden und wer diese Gewichtung vornimmt. Das seien politische Entscheidungen und diese hätten in einem objektiven Indikator nichts verloren, kritisieren Wirtschaftsvertreter. "In der Wirtschaft schauen wir nicht auf Zufriedenheit, sondern allein auf Leistungserbringung, die transparent gemacht werden muss", sagte Thomas Geer, einst Chefvolkswirt bei Thyssen-Krupp, kürzlich auf einer Diskussionsrunde zu diesem Thema. Aber auch das Statistische Bundesamt ist zurückhaltend, wenn es um die Erhebung von Wohlfühldaten geht. "Wagt sich die amtliche Statistik da ran?", fragt Albert Braakmann, beim Bundesamt zuständig für Nationaleinkommen und Arbeitsmarkt, und gibt die Antwort gleich selbst: "Ich bin da sehr skeptisch, dass das bei uns im Amt funktioniert."

Aber wer führt die Umfragen dann durch? Wer bündelt die Daten? Wer legt die Gewichtung fest? Auf diese Fragen muss auch die geplante Enquete-Kommission Antworten finden.

Eine Alternative zu einem allgemeinen Indikator wäre die sogenannte "Dashboard-Lösung", ein Nebeneinander von Indikatoren, ähnlich verschiedener Anzeigen auf einem Armaturenbrett. Vereinfacht gesprochen: Tachometer für die wirtschaftliche Entwicklung, Tankanzeige für die Rohstoffe und Temperaturwarnung für die Klimaentwicklung. Dann entfiele das Problem der Aggregierung und der Gewichtung der unterschiedlichen Daten. "Es überfordert die Menschheit doch nicht, über Jahre hinweg fünf Dimensionen auf einmal im Auge zu behalten", sagt Heino von Meyer, Leiter des Berliner OECD-Büros. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wirkt auf nationaler und europäischer Ebene seit Jahren an der Spezifizierung und Weiterentwicklung solcher Maßstäbe mit.

Allerdings: Parallele Indikatoren gibt es bereits seit Jahrzehnten. Am meisten Beachtung findet dennoch nach wie vor: das BIP.