Modellversuche in Brasilien und Namibia Grundeinkommen statt Entwicklungshilfe

Die Schweizer können in ein paar Jahren über das bedingungslose Grundeinkommen abstimmen, an zwei Orten in Südamerika und Afrika wird es bereits getestet. In Brasilien steht das Recht darauf sogar in der Verfassung. Die Folgen sind erstaunlich.

Von Larissa Holzki

Die meisten Menschen im brasilianischen Dorf Quatinga Velho und in den namibischen Siedlungen Otjivero und Omitara besitzen nicht viel. Sie leben in einfachen Hütten und Häusern und müssen sich genau überlegen, wofür sie ihr monatliches Budget ausgeben. Wenn sie Lebensmittel, Medikamente, Kleidung und Schulgeld bezahlt haben, ist fast nichts mehr übrig. Aber anders als die Bewohner ihrer Nachbargemeinden brauchen sie nicht mehr hungern. Denn in Quatinga Velho und den zwei namibischen Gemeinden wird seit einigen Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen gezahlt. Ein Leben ohne Arbeit ist damit allerdings nicht möglich.

Einmal im Monat gehen Bruna Augusto Pereira und ihr Mann Marcus Vinicius Brancaglione im brasilianischen 100-Seelendorf Quatinga Velho von Haus zu Haus, so erzählt es Augusto Perreira selbst und eine deutsche Studentin, die drei Monate lang bei ihnen gelebt hat, bestätigt dies. Die beiden arbeiten für die von ihnen gegründete Nichtregierungsorganisation Recivitas.

Sie verliehen Bücher und Spielzeug an Kinder, gäben Musikunterricht - und zahlten jedem Bewohner ein Grundeinkommen. Bündelweise hätten sie das Geld dabei und an jedem kleinen Stapel klebte ein Zettel mit einem anderen Namen, An der Haustür erhielte jeder Bewohner dann umgerechnet etwa elf Euro.

Quatinga Velho liegt nur 50 Kilometer von der Millionen-Stadt Sao Paulo entfernt. Und doch ist es eine abgeschlossene Welt im atlantischen Regenwald, in der bis vor kurzem nicht mal ein Bus hielt. Google-Maps findet sie bis heute nicht. Nahrungsmittel kosten dort deutlich weniger in der Metropole. Familien mit vielen Kindern können von ihrem Grundeinkommen Reis und Bohnen für den ganzen Monat kaufen.

Das Geld kommt unter anderem von Spendern und Vereinen aus Deutschland, Japan, Costa Rica und Neuseeland. Augusto Perreira und Brancaglione zweigen nicht mal für ihre Fahrtkosten davon etwas ab. Sie machen diese Arbeit freiwillig. Manchmal zahlen sie auch aus eigener Tasche drauf. Für sie ist das keine Entwicklungshilfe, einige Bewohner haben schließlich genau so viel Geld wie sie selbst. Die beiden sind einfach von der Grundeinkommens-Idee überzeugt und wollen allen zeigen, dass es möglich und förderlich für eine Gesellschaft ist.

Recht auf Grundeinkommen in der Verfassung

Seit fast zehn Jahren steht das Recht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen sogar in der brasilianischen Verfassung. Doch es ist an die Zahlungsfähigkeit des Landes gekoppelt und soll daher schrittweise eingeführt werden.

Die sogenannte "Bolsa Família", ein Familien-Stipendium, ist der erste Schritt dahin. Doch es hat mit der Idee vom Grundeinkommen noch nicht viel zu tun. Bedingungslos ist diese Sozialhilfe nämlich nicht: Die Empfänger müssen ausgesprochen arm sein, ihre Kinder zur Schule schicken, sie impfen lassen und selbst an Alphabetisierungskursen teilnehmen.

"In diesem System lernen die Leute, dass sie einen besonders bedürftigen Eindruck machen müssen", sagt Augusto Perreira zu Süddeutsche.de. "Wenn ein Regierungsbeamter sie besucht, verstecken sie Hab und Gut und lügen." Damit sinke auch das Selbstwertgefühl.

Ein ähnliches Experiment gab es 2008 und 2009 in Namibia. Dort schlossen sich Nichtregierungsorganisationen und Kirchen zusammen, um Grundeinkommen für die Siedlungen Otjivero und Omitara zu finanzieren und das Modell auf die Probe zu stellen. Die Projektorte liegen rund 100 Kilometer von der Hauptstadt Windhoek entfernt in der Steppe. Auch dort wurde nicht überprüft, ob jemand arm oder reich ist, sagt eine deutsche Mitarbeiterin der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal. In den Siedlungen lebten reiche, weiße Farmer und Schwarze, die von ihrem Einkommen, das sie bei den Großgrundbesitzern verdienen, kaum das Essen für ihre Kinder bezahlen können. Jeder von ihnen habe umgerechnet neun Euro pro Monat bekommen. Was die 1000 Einwohner mit dem Geld machten, sei ihre Sache gewesen. Der erste Zahltag endete in einem Saufgelage.

Doch dann begannen die Menschen zu investieren. Eine Frau kaufte sich Hühner und verkaufte die Eier, andere fuhren von dem Geld in die Stadt und besorgten Stoffreste, aus denen sie Kleider nähten. Ein Mann begann Ziegelsteine zu backen. So berichtete es der Spiegel. Im Jahresbericht für das Projekt steht, dass mehr Menschen Arztgebühren bezahlten und die Polizei weniger Diebstähle vermeldete.

Ähnliche Entwicklungen beschreibt Augusto Perreira. In Quatinga Velho würden Häuser repariert und Medikamente gekauft. Arbeiter legten ihr Geld zusammen und finanzierten damit einen Bus, mit dem sie auf die Plantagen in den Nachbarstädten fahren können. Die Initiatoren beobachteten auch, dass sich die Menschen untereinander mehr halfen. Sie diskutierten die Probleme der Gemeinde und wurden selbstbewusster.

Irgendwann war das Geld alle

In Namibia ist die offizielle Projektphase inzwischen vorbei und das Geld alle. Um die Initiative trotzdem weiterzuführen, wurde das Grundeinkommen um zwei Euro gesenkt. Vor allem Menschen aus Deutschland halten das Projekt am Leben. Doch immer wieder gibt es Engpässe. Seit März 2012 hängt die Auszahlung vom Spendeneingang ab. Von einem garantierten Einkommen kann nicht mehr die Rede sein. Die Hoffnung, die namibische Regierung sei von dem Projekt begeistert und setze es im ganzen Land um, hat sich nicht erfüllt. Die Kölner Initiative Grundeinkommen verfolgt das Projekt seit Jahren und hat eine Liste mit zahlreichen Medienberichten zusammengetragen, die das Auf und Ab der Initiative begleiteten.

Ob man diese Beispiele auf ein ganzes Land anwenden kann, ist ungewiss. Die Menschen in Otjivero und Omitara sowie Quatinga Velho können von ihrem Grundeinkommen allein nicht überleben. In der Schweiz wäre dies gemäß den aktuellen Vorstellungen anders.

Außerdem kritisieren einige Beobachter, dass es für Vergleiche keine Kontrollgruppen ohne Grundeinkommen gibt. Dass sich binnen fünf Jahre eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung vollzöge, sei nicht ungewöhnlich. Zwar prüften Wirtschaftsprofessoren die Entwicklung in Otjivero und lobten das Projekt als Weg aus der Armut, aber diese Wissenschaftler wurden von den Projektträgern selbst beauftragt. Seit die Zahlungen nicht mehr gesichert seien, kehre das Elend in die Siedlungen zurück, heißt es in Berichten.

Es ist eben doch nicht nachhaltig, sagen die Einen. Es muss eben weitergezahlt werden, sagen die Anderen.