Lebensmittelkennzeichung Mindestens haltbar für immer?

Kaffee, Reis und Nudeln bald ohne Mindesthaltbarkeitsdatum?

(Foto: Eisenhans - Fotolia)

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist in Deutschland seit gut 30 Jahren gelernte Praxis - sollte man meinen. Und doch herrscht große Verunsicherung, wenn das Datum überschritten ist. Ein Aufklärungsversuch.

Von Berit Uhlmann, Lillian Siewert und Oliver Klasen

Wie lange ein Produkt mindestens haltbar ist, geben deutsche Hersteller seit gut 30 Jahren vor. Obwohl das Datum wenig Auskunft über den Verfall gibt, landen die meisten Produkte just nach Ablauf im Müll. Elf Millionen Tonnen Lebensmittel schmeißen die Deutschen Jahr für Jahr in die Tonne, so das Ergebnis einer Studie des Verbraucherministeriums. Davon seien etwa zwei Drittel uneingeschränkt genießbar. EU-Agrarminister fordern daher, die Kennzeichnungspflicht für einige Produkte wie Kaffee, Nudeln und Reis ganz abzuschaffen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Mindesthaltbarkeitsdatum.

Was ist der Unterschied zwischen Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbrauchsdatum?

"Mindestens haltbar bis ..." bezeichnet die Garantieerklärung des Herstellers: Der Käufer soll sich bis zu diesem Datum darauf verlassen können, dass die Eigenschaften des Produktes unverändert bleiben. Dazu gehören Geschmack, Konsistenz, Aussehen und Nährstoffgehalt. Allerdings gilt die Garantie nur, wenn die für das Produkt vorgesehenen Lagerbedingungen eingehalten wurden. Nach Ablauf des angegebenen Datums ist die Ware nicht automatisch verdorben, sondern hält sich je nach Inhalt noch länger.

Kritischer als das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist das Verbrauchsdatum, das einigen leicht verderblichen Lebensmitteln aufgedruckt wird. Es ist an der Formulierung "zu verbrauchen bis: ..." erkennbar. Nach Ablauf dieses Datums dürfen die Lebensmittel nicht mehr verkauft werden, da sie gefährlich für die Gesundheit sein könnten. Die Verbraucherzentralen raten Konsumenten, dieses Datum ernst zu nehmen. Gesetzlich vorgeschrieben ist das Verbrauchsdatum für frisches Geflügelfleisch und Rohmilch. Häufig wird es auch für Hackfleisch oder Fertigsalate angegeben.

Welche Lebensmittel können noch lange aufgehoben werden?

Mineralwasser, Saft und Bier sind auch nach Ablauf des MHD noch mehrere Monate genießbar. Das Gleiche gilt in der Regel für fest verschlossene Konserven, Konfitüren und Tütensuppen. Auch, Nudeln, Mehl und Müsli sind sehr lange haltbar. Allerdings sollten sie in fest verschlossenen Gefäßen gelagert werden, um Feuchtigkeit und Ungeziefer fernzuhalten. Auch Tiefkühlkost ist mehrere Monate länger als angegeben haltbar, sofern sie nicht zwischendurch angetaut wurde.

Welche Lebensmittel sollten schneller verzehrt werden?

Viele Lebensmittel halten sich zwar nicht monatelang, aber doch einige Zeit länger, als das MHD angibt. Dazu gehören: abgepackte Wurst (noch einige Tage), Milch in ungeöffneter Packung und Milchprodukte (mindestens noch drei Tage), Eier (etwa noch zwei Wochen). Die Verbraucherzentrale Hamburg hat einige Tipps zusammengestellt. Bei frischem Fleisch und Fisch sowie bei Gerichten mit rohen Eiern sollten Sie dagegen kein Risiko eingehen und sich an das Datum des Herstellers halten.

Wieso gibt es das MHD überhaupt?

Bis in die frühen 1980er Jahre ließ sich in deutschen Supermärkten alte von neuer Ware nicht unterscheiden. Zum Leid der Konsumenten. "Früher war das ein großes Problem. Häufig kaufte man also Ware, die nicht mehr frisch war", erinnert Silke Schwartau, Abteilungsleiterin Ernährung und Lebensmittel der Verbraucherzentrale Hamburg. Um den Verbraucher zu schützen, wurde in der Bundesrepublik vor rund 30 Jahren das MHD im Rahmen der Lebensmittel-Kennzeichnungsverordnung verankert.

Welche Haftung ist damit verbunden?

Innerhalb des Haltbarkeitsdatums haftet der Hersteller. Bis wann ein Produkt mindestens haltbar ist, legen die jeweiligen Hersteller fest. So kann es sein, dass gleichartige Produkte verschiedener Hersteller unterschiedliche Haltbarkeitsdaten kennzeichnen. Produkte, die bereits abgelaufen, jedoch nicht verdorben sind, dürfen weiterhin verkauft werden. Die Verantwortung dafür trägt der Handel. Kauft der Kunde ohne Absicht ein abgelaufenes Produkt, das alles andere als genießbar ist, kann er es direkt im Supermarkt reklamieren. Auch bei verdorbenen Lebensmitteln, die laut Herstellerangaben noch haltbar sein sollten, nimmt der Handel die Ware zurück - meistens. Ist der Mangel nicht unbedingt ersichtlich, so dass sich der Händler oder Verkäufer weigert, kann der Kunde die örtliche Verbraucherzentrale aufsuchen. Je nach Art des Mangels untersuchen die Behörden das Produkt und veranlassen Kontrollen beim Händler oder Zwischenhändler (meist kostenlos).

Sind andere Länder großzügiger?

In Kanada sind Lebensmittel mit einer Haltbarkeit von mehr als 90 Tagen (darunter Reis und Nudeln) von der Kennzeichnungspflicht befreit. Ebenfalls ohne Haltbarkeitsangaben können verpacktes Obst und Gemüse, Produkte aus Snackmaschinen sowie Donuts in Fertigpackungen verkauft werden. In Neuseeland und Australien müssen Lebensmittel, die länger als zwei Jahre haltbar sind, keinen "best before"-Aufdruck tragen. Anders sieht es in USA aus: Dort sind Lebensmittelkennzeichungen gesetzlich nicht vorgegeben - außer es handelt sich um Säuglingsnahrung. Ob die Produkte mit den Angaben "abgelaufen bis", "verbrauchen bis" oder "am besten bis" versehen werden, entscheidet der Hersteller.

Tipps im Umgang mit Lebensmittelverschwendung

Besser einkaufen, besser lagern, besser prüfen, besser Reste verwerten und zu viel gekauftes Essen besser loswerden, damit wäre schon eine Menge geholfen.

Nachhaltige Ernährung So vermeiden Sie Lebensmittelmüll

Warum der Kopfsalat die Tomate nicht mag und welche Apps bei der Einkaufsplanung helfen: Wer ein paar Tipps beachtet, kann seinen persönlichen Lebensmittel-Müllberg erheblich reduzieren. Die Recherche

Der gute alte Einkaufszettel zum Beispiel ist nicht nur eine Gedächtnisstütze, sondern auch eine der besten Methoden, um zu verhindern, dass Lebensmittel später im Müll landen. Wer technische Gimmicks mag, kann das Gleiche mit einer speziellen App erreichen. Der Berliner Anbieter Hello Fresh hat eine genau auf zwei Personen abgestimmte Paketlösung entwickelt. Sie richtet sich an Leute, die beim Essen mehr experimentieren, sich aber nicht gleich einen riesigen Vorrat an exotischen und dann vielleicht überflüssigen Zutaten zulegen wollen. Wenn für ein Rezept drei Schalotten nötig sind, sind in dem Paket, das das Unternehmen an seine Kunden verschickt, auch genau drei Schalotten. Ein ähnliches Konzept besitzt das Kochhaus. Das Lebensmittelgeschäft bietet seinen Kunden proportionierte Zutaten für Rezepte an, sowohl online als auch in elf bundesweiten Niederlassungen.

Wer seine Rezepte doch lieber selbst zusammenstellen mag und am Ende deshalb etwas übrig hat, das er nicht mehr verwenden will, kann seine Reste an die örtliche Tafel spenden oder über Foodsharing-Portale tauschen. Ebenfalls hilfreich: Das Verbraucherschutzministerium hat eine Plattform geschaffen, auf die Nutzer Rezepte zum Kochen aus Resten einstellen können.