Landwirtschaft Weltgesundheitsorganisation rüffelt Glyphosat-Prüfer

Ein Bauer auf seinem Feld - viele Landwirte setzen Glyphosat ein.

(Foto: dpa)

Ist das umstrittene Pflanzenvernichtungsmittel gefährlich? Mögliche Risiken wurden der WHO zufolge nicht ausreichend analysiert.

Von Silvia Liebrich

Das umstrittene Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat muss nach Ansicht einer Expertenkommission der Weltgesundheitsorganisation (WHO) völlig neu bewertet werden. Viele Studien, die mögliche Risiken belegen, seien bei früheren Einschätzungen nicht berücksichtigt worden, heißt es in einem Bericht, der jetzt von der WHO veröffentlicht wurde.

Ein Urteil, das auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Erklärungsnot bringt. Die deutsche Behörde hat Glyphosat in der Vergangenheit immer wieder als unbedenklich eingestuft, obwohl das meist verkaufte Pestizid der Welt im Verdacht steht, Krebs, Missbildungen und andere schwere Gesundheitsschäden zu verursachen.

Die Einschätzung der WHO könnte weitreichende Folgen haben. Denn die Zulassungen für Glyphosat in der EU und in den USA laufen Ende des Jahres aus und müssen verlängert werden. Die EU-Kommission hat vergangene Woche angekündigt, dass sich die Risikoprüfung hinziehen werde bis Sommer 2016. Die derzeitige Genehmigung, die im Wesentlichen auf dem Urteil des deutschen BfR beruht, soll bis dahin verlängert werden. Dieses Vorgehen müsse nach der nun vorgelegten WHO-Analyse komplett in Frage gestellt werden, fordert der Grünen-Politiker Harald Ebner. "Das laufende Zulassungsverfahren muss gestoppt und komplett neu aufgerollt werden." Eine BfR-Sprecherin sagte auf Anfrage, dass man den WHO-Bericht prüfe und an diesem Montag dazu Stellung nehmen werde.

Mit ihrem Bericht schlichtet die WHO einen Expertenstreit, der innerhalb der eigenen Organisation ausgebrochen ist, nachdem ein Krebsforscher-Team (IARC) den Stoff im Frühjahr als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft hat. Ein anderes WHO-Gremium, das JMPR, das Grenzwerte für Giftstoffe in Lebensmitteln festlegt, kam dagegen in den vergangenen Jahren zu dem Schluss, dass von Glyphosat keine Gefahr für Verbraucher ausgeht. Um den Widerspruch zu klären, hat die WHO eine Expertenkommission einberufen. Deren Fazit lautet nun: Viele kritische Studien, die die Krebsforscher ausgewertet haben, seien vom Verbraucherschutz-Gremium nicht berücksichtigt worden.

Kritisiert wird außerdem, dass sich die JMPR zu sehr auf Studien konzentriert habe, die von den Herstellern selbst stammen. Das Problem dabei: Viele Industriestudien fallen unter das Geschäftsgeheimnis, sind nicht veröffentlicht und können von externen Wissenschaftlern nicht geprüft werden. Die JMPR-Gruppe solle ihre Einschätzung von Glyphosat komplett überarbeiten, so die Empfehlung der WHO-Expertenkommission. Die dafür geltenden Regeln seien ebenfalls reformbedürftig. "Diese Empfehlung ist das Eingeständnis eines riesigen blinden Flecks bei der bisherigen Bewertung von Glyphosat", meint Heike Moldenhauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Kritik an deutscher Behörde

Das WHO-Urteil ist aus deutscher Sicht brisant. Denn die Schelte betrifft indirekt auch das BfR. Die deutsche Behörde war in der Vergangenheit auf internationaler Ebene maßgeblich an Risikoeinschätzungen für Glyphosat beteiligt. Sie ist nicht nur ein wichtiger Berater der EU-Regierung, sondern auch der WHO.

BfR-Mitarbeiter sitzen dort seit Jahren im JMPR-Gremium, das nun in der Kritik steht. Das Vorgehen der BfR bei der Risikoanalyse ist umstritten. So haben etwa Recherchen der SZ gezeigt, dass die Behörde kritische Studien ignoriert und zugleich Leserbriefe von der Industrie an Fachmagazine als Studien bezeichnet hat. Kritiker werfen der Behörde zu viel Nähe zur Industrie vor. Ein Vorwurf, den das BfR strikt zurückweist.

Die Krebsverdacht könnte im äußersten Fall zu einem Verbot von Glyphosat führen. Hersteller wie den Agrarkonzern Syngenta würde das hart treffen. Es geht hier um ein Milliardengeschäft, das eng mit der Gentechnik verknüpft ist. Genveränderte Pflanzen funktionieren oft nur zusammen mit glyphosat-haltigen Mitteln wie Roundup. Dieser Einsatz von Gentechnik ist zwar in Deutschland nicht erlaubt, doch setzen viele Landwirte das Mittel ein, um etwa das Reifen von Getreide zu beschleunigen.