Kampf um Glyphosat Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten

  • Kein anderes Pestizid wird weltweit so oft verkauft wie Glyphosat. Die Weltgesundheitsorganisation warnt, dass das Ackergift vermutlich krebserregend ist.
  • Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) allerdings sieht das anders - und wertet bei seiner Einschätzung Leserbriefe von Mitarbeitern des Konzerns Monsanto als Studien.
  • Monsanto stellt Glyphosat her, das Unternehmen macht die Hälfte seines Umsatzes direkt und indirekt mit dem Pestizid.
  • In den kommenden Monaten laufen in den USA und der EU die Zulassungen für Glyphosat aus, die Bewertung des BfR ist für die Erneuerung dieser Zulassungen maßgeblich.
Von Silvia Liebrich

Fehlende Sorgfalt beim Bundesinstitut für Risikobewertung?

Das Ackergift Glyphosat ist das meistverkaufte Pestizid der Welt. Es ist hoch umstritten und kann wahrscheinlich Krebs auslösen. Davor warnt eine Forschergruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Eigentlich sollte der Staat seine Bürger vor solchen Gefahren schützen. Doch die zuständige Behörde, das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, kurz BfR, lässt es offenbar an Sorgfalt fehlen. Sie ist bisher immer wieder zu dem Ergebnis gekommen, dass der Stoff nicht gefährlich sei. Bei einer Neubewertung des Risikostoffs für die gesamte Europäische Union hat das Institut nun Maßstäbe angesetzt, die auf heftige Kritik stoßen und Zweifel an seiner Unabhängigkeit aufkommen lassen.

Recherchen der Süddeutschen Zeitung zeigen, dass für eine Neubewertung der Krebsrisiken unter anderem Leserbriefe an eine Fachzeitschrift als Studien gewertet werden. Ein großer Teil stammt von Wissenschaftlern, die direkt oder indirekt für einen der größten der Glyphosat-Hersteller arbeiten, den US-Agrarkonzern Monsanto. Also jene Firma, die seit Jahren darauf beharrt, dass der Unkrautvernichter ungefährlich sei und kritische Wissenschaftler unter Druck setzt, die zu anderen Ergebnissen kommen.

14 solcher Leserbriefe stehen auf einer Liste mit dem Titel: "Studien, die das BfR zur Bewertung zur Kanzerogenität von Glyphosat verwendet hat". Diese Liste mit 92 Studien hat das übergeordnete Landwirtschaftsministerium in Berlin Ende Juni auf Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion herausgegeben, die SZ hat sie analysiert. Der Grünen-Politiker Harald Ebner hält dieses Vorgehen für irreführend: "Das BfR will uns ernsthaft Leserbriefe an ein Fachmagazin als Studien verkaufen, die das eigene Urteil vom völlig harmlosen Glyphosat bestätigen sollen."

Zulassungen müssen erneuert werden - die Einschätzung ist maßgeblich

Der Umgang der Behörde mit Forschungsarbeiten ist brisant, weil in Europa und den USA in den kommenden Monaten die Zulassungen für das Pestizid auslaufen und erneuert werden müssen. Die Einschätzung der deutschen Behörde ist dafür in der EU maßgeblich.

Dass das BfR Leserbriefe vor diesem Hintergrund als Studien wertet, stößt auch unter Wissenschaftlern auf Unverständnis. Solche Schreiben seien reine Meinungsbeiträge und keine wissenschaftlichen Arbeiten, heißt es. Die Toxikologin Professor Irene Witte, die an der Universität Oldenburg gelehrt hat, sagt: "Wenn man weiß, dass diese Briefe hauptsächlich aus dem Umfeld von Monsanto geschrieben wurden, liegt der Verdacht nahe, dass das BfR eher die Interessen von Monsanto vertritt, anstatt seiner Aufgabe nachzugehen, Gesundheitsschäden von der Bevölkerung abzuwenden", sagt sie. Das Bundesinstitut für Risikobewertung genießt weltweit Ansehen und steht nun unter Druck.

Dieselben Studien, völlig andere Einschätzungen

Beim BfR und im übergeordneten Landwirtschaftsministerium will man die Liste mit den Studien als Quellensammlung verstanden wissen. "Unter Quellen sind wissenschaftliche Studien, wissenschaftliche Kommentare, Bewertungen oder Stellungnahmen anderer Institute zum Wirkstoff zu verstehen sowie jegliche fachlichen Äußerungen zum Thema. Dazu gehören auch 'Letters to the Editor' an wissenschaftliche Publikationsorgane", heißt es in einer Stellungnahme. Beurteilt werde dabei allein die wissenschaftliche Qualität der zugrundeliegenden Studien und Daten, aber nicht die Herkunft der Informationen. Für das Institut spielt es demnach auch keine Rolle, wer hinter zitierten Leserbriefen steckt.

Unter den verschiedenen Expertengruppen ist nun ein heftiger Streit ausgebrochen. Nach der WHO-Warnung steht die Frage im Raum, wie es sein kann, dass verschiedene Gremien zu völlig unterschiedlichen Einschätzungen kommen, obwohl sie dieselben Studien auswerten.

Die Krebsforscher der WHO stehen seit der Veröffentlichung ihrer Einschätzung schwer unter Beschuss von Herstellern und Lobby-Verbänden. Für die Industrie steht viel auf dem Spiel. Es geht um sehr viel Geld, vor allem für den Branchenführer Monsanto - etwa die Hälfte des Umsatzes hängen direkt und indirekt von Glyphosat ab.

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Gift und Geld

Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pestizid der Welt - und es löst wahrscheinlich Krebs aus. Eigentlich sollte der Staat die Bürger vor dieser Gefahr schützen. Von Silvia Liebrich mehr ...

Hier sind die Antworten auf die kleine Anfrage der Grünen zur Gefährlichkeit von Glyphosat. Die Studien stehen in dem PDF-Dokument ab Seite 23; die entsprechende Frage ist die Nummer 33 auf der Seite 14.

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