Kriminalität bei Solaranlagen Auf den Spuren der Solar-Mafia

Anlagen wie diese in Nordrhein-Westfalen sind meistens unbewacht und damit leichte Beute.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Ökostromanlagen werden zum begehrten Diebesgut. Deutsche Ermittler registrieren Tausende Fälle, der Schaden geht in die Millionen.

Von Markus Balser, Berlin

Sie kamen nachts. Sie arbeiteten in Schichten und sie verschwanden nach wenigen Stunden unbemerkt. Mit einem Lieferwagen hatte die Bande den grünen Metallzaun auf einem brandenburgischen Militärflugplatz durchbrochen. Eine Gruppe montierte 150 Solarmodule fachmännisch ab, eine zweite stapelte die tonnenschwere Fracht auf Lastwagen. Entdeckt wurde der dreiste Feldzug erst am nächsten Morgen. Mit Sonnenaufgang meldete die Technik Ausfälle an die Zentrale des Betreibers. Ganze Reihen von Modulen des riesigen Solarparks produzierten keine Energie mehr. Zurück blieben nur ein paar Gestelle. Schaden: etwa 50 000 Euro.

In Deutschland ist die Sonne innerhalb einer Dekade zu einem wichtigen Faktor im Stromnetz geworden. Auf insgesamt einer Million Feldern und Dächern speisen Solaranlagen heute Energie ein. Allein der betroffene Solarpark bei Cottbus versorgt einige Tausend Haushalte. Doch der strahlende Boom hat eine bislang kaum bekannte Schattenseite: Von Friesland bis nach Bayern ziehen in diesen Monaten immer wieder Banden übers Land und montieren bei Nacht Solaranlagen von Firmendächern, Schulen, Eigenheimen und Feldern.

Die Ware wird schnell ins Ausland weiterverkauft

Das Bundeskriminalamt (BKA) ist alarmiert. Vor einigen Jahren schon begann diese ganz neue Form von Kriminalität. "Seit circa 2005 sind hier Diebstähle von Solarmodulen in größerem Umfang bekannt", erklärt die Behörde. Doch inzwischen erreicht sie besorgniserregende Ausmaße. Die Schäden liegen je Fall im "fünfstelligen, manchmal sogar im sechsstelligen Euro-Bereich. Meist würden "mehrere Dutzend bis einige Hundert montierte Module von Dächern, aus Solarparks, aber auch aus Lagerhallen oder auf dem Transport entwendet", stellt die Wiesbadener Behörde fest.

Die ganze Dimension der Diebeszüge macht eine aktuelle Umfrage der Süddeutschen Zeitung unter den zuständigen Landeskriminalämtern klar. In den Jahren von 2011 bis Ende 2014 registrierten Deutschlands Ermittler bundesweit insgesamt mehr als 1880 Diebstähle von Modulen oder Zubehör mit einem Gesamtschaden von mindestens 15 Millionen Euro. Der tatsächliche Wert der Beute dürfte jedoch noch höher liegen. Denn in vielen Bundesländern beginnt man erst, Solardiebstähle in der offiziellen Statistik gesondert auszuweisen. Rheinland-Pfalz und die drei Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin erheben dazu bislang keine gesonderten Daten. Aus den vier Bundesländern liegen deshalb keine Angaben vor. Andere Länder wie Schleswig-Holstein oder Sachsen-Anhalt weisen die Schäden erst seit 2014 aus.

Peter Sostaric gehört zu denen, die sich an die Fersen der Täter heften. Sostaric ist Staatsanwalt und Abteilungsleiter der brandenburgischen Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Frankfurt/Oder. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bandenstrukturen der Solarmafia zu knacken. In Brandenburg wurde deshalb in diesem Jahr die Soko Helios gegründet - im Altgriechischen steht das für Sonne. "Die Anlagen werden meist fachmännisch abmontiert, die Tatorte vorher professionell ausgespäht", sagt Sostaric. Ein Aufwand, der sich lohne. Denn der Wert der Module ist auch gebraucht hoch. Es gehe "im Einzelfall um Zehntausende Euro". Die Täter gehen immer wieder nach dem gleichen Muster vor. Geklaut wird meist nachts, weil die Anlagen dann keinen Strom produzieren. Am Tag, wenn Tausende Volt durch die Leitungen jagen, wäre der Diebstahl um einiges gefährlicher. Die Fahnder beobachten, dass Diebe ihre Beute möglichst schnell über die Grenze bringen - meist in Richtung Osteuropa. Dort werden die Zellen dann oft in neuen Parks verbaut. "Der Verkauf im Ausland muss schnell über die Bühne gehen. Kein Täter will das Diebesgut lange in eigenen Hallen lagern. Das Entdeckungsrisiko wäre zu groß", sagt Sostaric.