Konsum Lust auf die große Schlange

Am liebsten kaufen die meisten das, was auch andere kaufen.

(Foto: dpa)

Ob Restaurant, Handy oder Klamotten: Gekauft wird meist das, was alle anderen auch gut finden. Unternehmen nutzen das aus.

Von Jürgen Schmieder, Angelika Slavik und Vivien Timmler

Professioneller Schlangensitter. Ja, diesen Beruf gibt es wirklich, und es geht dabei nicht um Reptilien. Man braucht dafür auch weder Ausbildung noch Einarbeitung, sondern nur ein bisschen Geduld. Professional Line Sitters machen nichts anderes, als für andere Menschen irgendwo zu warten - vor einem Supermarkt, an der Führerscheinstelle, vor einem edlen Nachtclub.

Es gibt sogar Agenturen dafür, in New York heißt sie etwa Same Old Line Dudes und verlangt 25 Dollar für die erste Stunde und zehn Dollar für jede weitere halbe Stunde. Dafür bemüht sich dann jemand um Tickets für das Musical Hamilton oder stellt sich um drei Uhr morgens an, um leckere Cronuts zu besorgen, ein besonders begehrtes Gebäck. Schlechtes Wetter kostet übrigens fünf Dollar pro Stunde extra. Der Unternehmensgründer Robert Samuel hat schon mal 38 Stunden lang auf ein iPhone gewartet. In Los Angeles gibt es Line Angel, die bei Promitreffen oder Filmpremieren anstehen, zu buchen ab 18 Dollar die Stunde.

"Imitation spielt beim Konsumverhalten eine große Rolle"

Bloß: Was passiert, wenn es gar keine Schlange gibt? Zum Beispiel weil der Club dann doch nicht so angesagt ist und dem Film ein Schicksal als Mega-Flop droht? Zumindest in den Vereinigten Staaten gibt es auch dafür Abhilfe und die ist vor allem bei Studenten äußerst beliebt: Wer sich dazu bereit erklärt, drei Stunden lang vor einem Kino in der Kälte auszuharren, der bekommt 30 Dollar dafür, darf danach den Film sehen und dabei Gratis-Popcorn mampfen. Er ist dann nicht nur professioneller Schlangensitter, sondern auch professioneller Schlangenbilder. Das lohnt sich nicht nur für die klammen Studenten, sondern in erster Linie für die Unternehmen.

"Imitation spielt beim Konsumverhalten eine große Rolle", sagt Gabriele Naderer, Professorin für Marktpsychologie und Käuferverhalten an der Hochschule Pforzheim. Es könne für Firmen also durchaus sinnvoll sein, Nachfrage vorzutäuschen, um damit echte Begierde zu wecken. "Wenn sich eine bestimmte Menge Kunden in einem Geschäft aufhält, ist das nachweislich gut für den Umsatz." Eine künstliche Kundenmenge herzustellen, um so weitere Kunden anzulocken, sei gar keine abwegige Strategie.

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Die künstliche Schlange vor dem Kino ist bisher ein rein amerikanisches Phänomen geblieben, inszenierte Nachfrage kann man aber auch in Deutschland beobachten. Das US-Modeunternehmen Abercrombie & Fitch beispielsweise ließ bei seiner Markteinführung in Deutschland immer nur eine sehr begrenzte Kundenanzahl in die Filialen.

Drinnen war es fast leer, und draußen warteten Dutzende Jugendliche darauf, endlich eintreten zu dürfen in die heiligen Hallen des Kapuzenpullovers. Auch Apple steht immer wieder in Verdacht, bei der Einführung neuer Produkte, etwa der Apple Watch oder des nächsten iPhones, das Angebot ohne Not zu verknappen - und so die Nachfrage erst richtig anzukurbeln. Die Schlangen vor den Apple-Stores, den Modeläden oder den amerikanischen Kinos erregen jedenfalls Aufmerksamkeit, sowohl bei den Passanten als auch bei der Presse. Die Botschaft lautet: Das, was es hier gibt, ist wirklich wahnsinnig begehrenswert. Oder wie die Fernsehreporter dann in ihre Mikrofone brüllen: "Nicht einmal Kälte und Regen konnte diese Fans abhalten, den Film sehen zu wollen!"

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