Konkurrenzdruck im Luftverkehr Lufthansa sucht ihr Heil in neuer Billig-Strategie

Lufthansa-Maschine am Flughafen Hannover

(Foto: dpa)

Es geht um die Zukunft der größten deutschen Fluglinie: Lufthansa-Chef Carsten Spohr präsentiert im hessischen Seeheim seinen Masterplan. Nach Germanwings soll auch die Lufthansa-Tochter Eurowings Teil einer erweiterten Billig-Strategie werden. Das gefällt den Lufthansa-Piloten gar nicht.

Von Jens Flottau, Seeheim

Immerhin ließ Carsten Spohr sicherstellen, dass seine 250 obersten Führungskräfte nach seiner Präsentation nicht verhungern würden. Im Lufthansa-Schulungszentrum in Seeheim waren im Foyer ein großes Buffet aufgebaut und lange Reihen von Tischen mit weißen Decken. Es gab einiges zu besprechen. Darunter Dinge, nach denen einem der Appetit vergehen konnte.

Denn der neue Konzernchef tischte den obersten Konzernmanagern und ihren Mitarbeitern ein paar unbequeme Neuigkeiten auf. Im Kern will Spohr das Wachstum von der klassischen Lufthansa mehr und mehr abziehen und auf neue Ableger verlagern, die sich im Billigsegment etablieren sollen: auf der Kurz- und der Langstrecke, innerhalb und außerhalb Deutschlands, vor allem aber außerhalb des Konzerntarifvertrages (KTV), der die Piloten des Kerngeschäftes absichern soll. Auch der jetzige Billigableger Germanwings wird deutlich weniger wachsen als ursprünglich geplant.

Lufthansa hatte erst vor wenigen Wochen das Gewinnziel für 2014 und 2015 um insgesamt eine Milliarde Euro reduziert. Die Aktie war seitdem um mehr als 20 Prozent eingebrochen. (Mehr über die Probleme des Unternehmens lesen Sie hier)

"Drei Viertel aller Langstreckenreisen sind privat motiviert und 80 Prozent aller Kurzstrecken, aber wir nehmen nicht komplett am Privatreisesegment teil", so Spohr. Das soll sich nun ändern. Der Umsatzanteil der Servicegesellschaften wie Lufthansa Technik und LSG SkyChefs soll zusammen mit den neuen Billigtöchtern von derzeit 30 auf 40 Prozent im Jahr 2020 wachsen. Das Sparprogramm Score wird zwar nicht über 2015 hinaus verlängert, allerdings will Spohr künftig jedes Jahr rund 700 Millionen Euro einsparen, um Preisverfall und Kostensteigerungen zu kompensieren. Zusätzliche Entlassungen soll es nicht geben.

Das neue Billigkonzept fußt auf zwei großen Säulen und ist unter dem sogenannten Wings-Konzept zusammengefasst. Die Wings-Dachgesellschaft werde "voraussichtlich nicht" in Deutschland registriert, sondern im europäischen Ausland, sagte Spohr. Insgesamt will Lufthansa nach Ryanair und Easyjet zum drittgrößten Anbieter aus Europa in diesem Segment werden. Die eine Säule ist die Regionalfluggesellschaft Eurowings, die derzeit 23 90-sitzige Flugzeuge des Typs Bombardier CRJ900 betreibt. Diese sollen durch größere Airbus A320 ersetzt werden und künftig nach dem Billigprinzip betrieben werden. Eurowings soll auch außerhalb Deutschlands eingesetzt werden. Zunächst soll die Airline alle Flüge der Konzerntochter Swiss von Basel aus übernehmen und dort direkt mit Easyjet konkurrieren.

Die Stückkosten von Eurowings liegen noch einmal 20 Prozent unterhalb von Germanwings, die derzeit den dezentralen Europaverkehr von Lufthansa übernimmt. Germanwings soll nun nur noch 60 Flugzeuge bekommen und nicht mehr 90 wie ursprünglich geplant. Auch Germanwings ist im Vergleich mit der klassischen Lufthansa 20 Prozent billiger.

Lufthansas Pilotengewerkschaft hält den Plan für "Frontalangriff"

Ein weiteres Standbein soll eine neue Langstreckenfluggesellschaft werden, die Strecken mit geringem Geschäftsreiseaufkommen bedienen soll. Das neue Konstrukt soll zunächst sieben Boeing 767 oder Airbus A330 betreiben. Ganz oben auf der Liste möglicher Standorte für die neue, noch namenlose Airline stehen München, Köln und Düsseldorf. Laut Spohr kann das Unternehmen künftig auch Billiglangstrecken aus der Schweiz, Österreich oder Belgien bedienen, die für die aktuellen Konzerntöchter Swiss, Austrian und Brussels Airlines nicht mehr profitabel zu fliegen sind. Die neue Linie soll Anfang 2015 erstmals abheben.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) hält nichts von den Plänen. Unabhängig von einzelnen Klauseln sei ein starkes Wachstum von Eurowings "ein Frontalangriff mit den entsprechenden Konsequenzen", so Cockpit-Vorstand Jörg Handwerg.

Spohr glaubt nicht, dass die Gewerkschaften der Piloten und Flugbegleiter die Vorhaben verhindern können. "Es gibt für das Wings-Konzept keine Wachstumsgrenze", so der Lufthansa-Chef. Tarifvertragliche Regelungen mit den Piloten beträfen nur Flüge, die unter den Marken und Flugnummern (LH und 4U) von Lufthansa und Germanwings durchgeführt werden.

Lufthansa prüft zudem, auch intern einen weiteren Billigzweig aufzubauen. Bereits beschlossen ist, fünf Maschinen des Typs Airbus A340 umzurüsten und künftig ohne First Class, mit nur 18 Business Class- und 280 Economy Class-Sitzen auszustatten. Diese sollen unter Lufthansa-Marke zu Zielen eingesetzt werden, die in der aktuellen Auslegung mit First und großer Business Class nicht mehr rentabel sind.