Verbraucherprotest Der Boykott israelischer Produkte ist sinnlos - und schädlich

Nicht nur in palästinensischen Gebieten, wie hier im Westjordanland, fruchtet der Aufruf zum Boykott israelischer Produkte inzwischen, sondern auch weltweit. Dass er die Lage verändern hilft ist aber zweifelhaft.

(Foto: AFP)

Eine palästinensische Kampagne fordert, Waren aus Israel zu boykottieren. Sie setzt auf Entzweiung, dabei wären gemeinsame Wege viel zielführender.

Kommentar von Lea Hampel

Bald ist es so weit. Von Februar an zieht sich die Firma Orange aus Israel zurück. Nach 17 Jahren beendet das Kommunikationsunternehmen, das zu 25 Prozent im Besitz des französischen Staates ist, seine Partnerschaft mit einer israelischen Firma. Diese Runde in der seit Jahren dauernden Propagandaschlacht hat die internationale Protestbewegung "Boycott, Divestments and Sanctions" (BDS) gewonnen. Es ist eine Kampagne gegen Israel mit prominenten Befürwortern wie der Globalisierungskritikerin Naomi Klein oder der US-Schriftstellerin Alice Walker. Der Rückzug von Orange aus Israel hat politisch Gründe.

Ihren Anfang nahm die Propagandaschlacht 2005. Damals entwickelten Aktivisten die Idee, Israel durch Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen dazu zu zwingen, die Besatzung der Palästinensergebiete aufzugeben. 170 Palästinenserorganisationen unterzeichneten eine Erklärung, die politische Führung deklarierte ihre Unterstützung. BDS hat Vertreter in vielen westlichen Ländern. Die Aktivisten prangern Unternehmen an, die in Siedlungen produzieren, internationale Firmen, die mit Israel kooperieren, Kongressveranstalter, die israelische Teilnehmer einladen. Vor ein paar Monaten gab es schon mal einen noch größeren Grund zum Feiern: Im November beschloss die Europäische Union, Produkte, die aus Gebieten außerhalb der Grenzen Israels von 1967 stammen, zu kennzeichnen.

Der Protest setzt auf Entzweiung - gemeinsame Wege wären besser

Zunächst mutet die Idee von BDS friedlich und zeitgeistig an: Der mündige Konsument kann seine politische Haltung an der Supermarktkasse ausdrücken und vorbei an den langsam mahlenden Mühlen der Diplomatie Einfluss im Nahostkonflikt geltend machen, indem er Datteln aus dem Jordantal nicht aufs Band legt.

Doch zunehmend kristallisiert sich heraus, dass die Kampagne zwar ein lobenswertes Ziel hat, ein Ende des Konflikts, aber fatale Folgen. Denn schon theoretisch sind Konsumentenboykotte nur bedingt erfolgreich. Studien haben gezeigt, dass die Auswirkungen auf Firmen minimal sind. Auch in israelischen Siedlungen wird nach zehn Jahren BDS noch produziert. Der wirtschaftliche Schaden ist angesichts eines Anteils der Siedlungsprodukte an den Exporten von etwa einem Prozent minimal.

Praktisch zeigt die Kampagne dennoch Resultate. Einige Unternehmen haben reagiert. Der Wassersprudler-Hersteller Sodastream beispielsweise ist in den Süden des Landes umgezogen. Die Folgen können nicht im Sinn der Aktivisten sein: Hunderte palästinensische Mitarbeiter haben ihre Jobs verloren.

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Die Kampagne vergiftet die Debatte

Viel schlimmer ist: Die Kampagne vergiftet die nötige Debatte - und macht sie zur Propagandaschlacht, die Pauschalurteile auf beiden Seiten fördert, wie viele Beispiele zeigen: Im Herbst nahm das Berliner Kaufhaus KaDeWe Siedlungsprodukte aus seinen Regalen, noch bevor die EU-Verordnung überhaupt in Kraft war. Das löste übelste Assoziationen bei jüdischen Mitbürgern weltweit aus. Während des letzten Gazakonflikts zerlegten britische Aktivisten Supermärkte, die israelische Produkte führen.

Die mangelnde Differenzierung setzt oft noch früher an: Die Universität von Barcelona etwa möchte nicht mehr mit israelischen Universitäten kooperieren und Restaurants in Berlin und New York wurden im Herbst boykottiert, weil sie an einer Kochveranstaltung in Tel Aviv teilnahmen. Die Bandbreite zeigt die Gefahr: Wenn selbst Aktivisten nicht zwischen besetzten Gebieten und israelischem Kerngebiet unterscheiden, ist es fraglich, ob der Kunde im Supermarkt bei der Auswahl seiner Avocados den Grenzverlauf im Kopf hat.

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Das Resultat ist bisher vor allem eines: Die wirtschaftliche Kampagne steigert politisches Misstrauen auf beiden Seiten. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu will dieses Jahr 23,4 Millionen Euro dagegen aufwenden. Er hat BDS 2015 als große Bedrohung definiert. Das ist sie auch. Aber nicht, weil sie der Wirtschaft schadet. Sondern weil sie die Linien zwischen Freund und Feind zu klar zieht. Die Kampagne bestärkt viele Israelis in dem Gefühl, dass sie allein dastehen und ein Großteil der Verbündeten sie im Stich lässt. Selbst die Opposition spricht von einer "diplomatischen Intifada". Äußerer Druck wiederum erhöht den inneren Zusammenhalt. So stärkt BDS das nationalkonservative Lager und verhindert das eigentliche Ziel: ein Ende der Besatzung.

Und so wird diese Form des Konsumentenprotests eine destruktive Langzeitwirkung entfalten. Sie setzt auf Entzweiung, wo es gelten müsste, Wege des Miteinanders aufzuzeigen. Das funktioniert übrigens oft am besten über wirtschaftliche Zusammenarbeit.

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