Debatte um Antisemitismus Deutschland erlebt eine jüdische Renaissance

Dieses Schild hinterließen Teilnehmer einer Kundgebung gegen Antisemitismus im September 2014 in Berlin.

(Foto: Maja Hitij/dpa)

Der Antisemitismus hat einen unheimlichen Anstieg erfahren. Französische Juden verlassen Frankreich in Scharen, britische Juden stellen ihre Zukunft in Frage. Doch in Deutschland hat jüdisches Leben eine Zukunft.

Von Amber Rose

In meinem Wohnzimmer hängen zwei Gemälde. Eines ist ein zeitgenössisches Bild des israelischen Künstlers Yehuda Bacon; es zeigt zwei ineinander verschlungene Körper. Das andere ist ein Landschaftsaquarell aus Island, das der Deutsche Karl Bedal gemalt hat. Die Bilder sind völlig verschieden und doch verbunden durch eine tragische Geschichte.

Karl Bedal - er starb 1999 - war Soldat der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und später im US-Bundesstaat Idaho als Kriegsgefangener. Bacon, heute 84, überlebte den Holocaust in Auschwitz-Birkenau. Das Grauen, das er dort sah, bezeugte er bei Prozessen gegen Naziverbrecher, unter anderem gegen Adolf Eichmann.

Amber Rose arbeitete zehn Jahre lang als Journalistin für die BBC in ihrer Heimatstadt London. Vor drei Jahren zog sie mit ihrem Mann nach Deutschland und lebt heute in München.

(Foto: Privat)

Die Bilder erinnern daran, wie gegenwärtig die Vergangenheit in unserem Haushalt ist. Aber auch daran, wie wir, als Nachkommen beider Seiten, das Gefühl für die historische Last teilen. Deutsche, wie mein Mann, lernen die Schuld ihrer Vorfahren zu tragen, Juden wie ich das Leid der ihren: nie zu vergessen und jederzeit Vorsicht mit allem Deutschen walten zu lassen.

Niemand kann unsere Geschichte so gut erzählen wie wir selbst

Einen Großteil meines Lebens habe ich in Großbritannien verbracht, wo ich Erfahrungen mit Antisemitismus machte. Das begann auf dem Spielplatz der Schule, wo ein paar Rüpel uns yids befahlen, Münzen vom Boden aufzuheben. Einer unserer Lehrer meinte damals, es wäre besser, wenn meine jüdischen Freunde und ich den Übeltätern etwas beibrächten, als dass die Schule sie bestraften. Nachdem wir ihnen zwei Stunden lang 6000 Jahre jüdischer Geschichte erklärt hatten, sagten der Oberrüpel und seine Kumpel nie wieder ein böses Wort zu uns. Mein aufgeklärter Lehrer wusste, dass niemand unsere Geschichte so gut erzählen konnte wie wir selbst. Wir hatten nicht nur das Wissen, sondern auch die Empathie, die oft verloren geht, wenn Lehrer über die Vergangenheit reden.

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Auch als Erwachsene begegnete ich Antisemitismus. Der Vater eines Ex-Freundes warnte mich, ich sollte im Zug in "so ein Lager" gebracht werden. Andere verfielen auf das klassische Stereotyp, wonach "alle Juden reich" sind. Zuletzt gab es einen unheimlichen Anstieg des Antisemitismus: Gewalttaten gegen Juden, Boykotte israelischer Wissenschaftler und Angriffe auf jüdische Studenten. Im vorigen Jahr gab es 1168 antisemitische Vorfälle, so viel wie nie zuvor. Gewalttaten und Vandalismus passierten vor allem während des Israel/Gaza-Konflikts. Die Synagoge meiner Familie war einer der vielen jüdischen Orte, die in dieser Zeit geschändet wurden. Ein wesentlicher Faktor hinter diesen Attacken war die Ausbreitung des Islamismus während der vergangenen 20 Jahre.

Deutschland erlebt eine jüdische Renaissance

Auf der Liste der Länder, in denen ich leben möchte, hat Deutschland nie gestanden. Doch dann bekam mein Mann ein Jobangebot aus München, das er nicht ablehnen konnte. Was würde es für mich bedeuten, in ein Land zu ziehen, das sechs Millionen von uns ermordet hat? Während französische Juden Frankreich in Scharen verlassen und britische Juden ihre Zukunft infrage stellten, erlebt Deutschland eine jüdische Renaissance. In den vergangenen 22 Jahren vervierfachte sich die Zahl der Juden hier auf beinahe 102 000.

In London war ich nicht Mitglied einer Synagoge. In München jedoch schloss ich mich, eingedenk der Geschichte und weil ich mich nicht allein fühlen wollte, der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom an. Binnen drei Jahren ist deren Mitgliederzahl von 200 auf mehr als 400 gestiegen. Viele Neumitglieder sind junge Leute und Familien aus der ganzen Welt. Während des Israel/Gaza-Konflikts fühlten sich deutsche Juden trotzdem gefährdet. Die beiden Polizisten, die in ihrem Auto vor meiner Synagoge aufpassen, erinnern mich daran, wie gefährlich es heute ist, ein Jude zu sein.