Rückbau von Forschungseinrichtungen Nukleares Milliardengrab

Castorenbehälter im Forschungszentrum Jülich. Die Einrichtung sollte bis 2035 verschwunden sein, nun wird es womöglich 2065.

(Foto: Andreas Endermann/dpa)
  • Die Kosten für den Rückbau von nuklearen Forschungseinrichtungen steigen immer weiter an. Sie sollen mittlerweile bei mehr als vier Milliarden Euro liegen.
  • Der Bundesrechnungshof hat die Verwaltung analysiert und kommt zu einem harten Urteil: "uneinheitlich, häufig nicht aktuell und basierend auf teilweise unrealistischen Annahmen" seien die Schätzungen.
  • Das Hauptproblem: Forschungsministerium und Finanzministerium sind beide für den Rückbau verantwortlich und kommen sich dabei in die Quere.
Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die Geschichte der deutschen Atomzukunft steht in einem Wald bei Karlsruhe. Von der Mitte der Fünfzigerjahre an entstand hier alles, was die Atomwirtschaft so braucht. Das erste von deutschen Ingenieuren geplante kleine Kernkraftwerk, später ein Brutreaktor und eine komplette Wiederaufarbeitungsanlage samt Vorrichtungen zur Verglasung von Atommüll. Da steht es nun im Wald und wartet auf seinen "Rückbau". Es ist einer der ungewöhnlichsten, kompliziertesten Abrisse der Republik. Und einer der teuersten.

Wie teuer, darüber informiert 2010 das Bundesforschungsministerium erstmals das Parlament. Allein für die Karlsruher Anlagen kalkuliert das Ministerium seinerzeit knapp 1,2 Milliarden Euro, für andere Kernforschungseinrichtungen, etwa die im rheinischen Jülich, kommen noch 900 Millionen Euro dazu. Bis 2035 sollte die nukleare Forschungs-Vergangenheit verschwunden sein, für 2,1 Milliarden Euro. Allerdings lehre die Erfahrung, "dass die in den Bilanzen abgeschätzten Kosten in der Regel mit den tatsächlichen Projektkosten nicht übereinstimmen", gesteht das Ministerium seinerzeit schon ein. Langfristige Schätzungen brächten "naturgemäß Unsicherheiten" mit sich. Eine Bandbreite von 20 Prozent bei den Kosten erscheine deshalb "nicht unrealistisch". 20 Prozent Mehrkosten - inzwischen wirkt selbst das noch wie ein Sonderpreis.

Ergebnis wenig schmeichelhaft für die Bundesregierung

2014 verlangt der Haushaltsausschuss abermals eine Schätzung. Wieder legt das Forschungsministerium einen Bericht vor, detaillierter als sein Vorgänger. Die Kosten liegen mittlerweile bei 4,2 Milliarden Euro, und das Ende der Arbeiten ist auch nicht mehr 2035 - sondern 2065. In solchen Fällen tritt in Deutschland der Bundesrechnungshof auf den Plan. Sein Bericht liegt der Süddeutschen Zeitung vor.

Die Rechnungsprüfer sahen sich an, wie das Milliardenprojekt Rückbau eigentlich organisiert ist, sie befragten Ministerien und führten Interviews mit Protagonisten der Atomabwicklung. Das Ergebnis ist vor allem für die Bundesregierung wenig schmeichelhaft. Sie beschäftigt zwei verschiedene Ministerien - Finanz- und Forschungsministerium - mit dem Rückbau, die aber offenbar nur wenig miteinander reden. Sie hat einem bundeseigenen Unternehmen das Eigentum an den Forschungseinrichtungen übertragen, das aber in entscheidenden Fragen nur begrenzt mitreden kann und kaum Kontrolle hat. Derweil versuchen externe Experten, einen Überblick über die Kosten zu bekommen.

Doch das scheint nicht ganz einfach. "Der Bundesrechnungshof vermisst einen transparenten Ausweis der Wirtschaftlichkeit von Handlungsoptionen und von finanziellen Risiken als Grundlage für fundierte Steuerungsentscheidungen", heißt es in dem Bericht. Stattdessen seien die Kostenschätzungen "uneinheitlich, häufig nicht aktuell und basieren auf teilweise unrealistischen Annahmen". Harter Tobak für ein 4,2-Milliarden-Projekt.

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