Zwist der Ökonomen Krugman und deutsche "Zombielügen"

Im transatlantischen Streit über die Wirtschaftspolitik Deutschlands schlagen die Wogen immer höher: Der Nobelpreisträger Paul Krugman spricht von Zombielügen - und Kanzlerin Merkel wendet sich direkt ans amerikanische Volk.

Von Paul Katzenberger

Wolfgang Franz und Paul Krugman sind weithin respektierte Ökonomen. Der Deutsche führt die fünf Wirtschaftsweisen an und ist somit oberster Ratgeber der Bundesregierung in wirtschaftlichen Fragen, der Amerikaner wiederum hat als Nobelpreisträger die höchste Auszeichnung seiner Zunft erhalten und wird als Kolumnist der New York Times nahezu täglich zitiert.

Doch die Herren Gelehrten bräuchten dringend einen Grundkurs in Sachen Diplomatie: Seit Anfang der Woche prügeln sie über deutsche und amerikanische Leitmedien aufeinander ein, dass die Fetzen fliegen.

Auslöser des transatlantischen Wortgefechts war ein Interview Krugmans mit dem Handelsblatt zu Beginn der Woche. Darin fährt der streitbare Professor der US-Eliteuniversität Princeton schweres Geschütz gegen Bundesbankpräsident Axel Weber auf. Ihn nennt er ein "Risiko für das Schicksal des Euros". Das saß, schließlich will Kanzlerin Angela Merkel ihren obersten Consultant Weber zum Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) machen.

"Wenn man jemanden sucht, der auf eine Inflation von null Prozent zielt, während die Arbeitslosigkeit auf 13 Prozent steigt, dann ist Weber sicher der richtige Mann", so Krugman in seinem Furor. Das klingt ganz nach der keynesianischen Phillips-Kurve - ein Modell, das suggeriert, man könne weniger Arbeitslosigkeit auf Kosten von mehr Inflation haben oder vice versa.

"Vogel an Selbstsicherheit abgeschossen"

Die Reaktion diesseits des Atlantiks ließ nicht lange auf sich warten: Krugmans Landsmann Dennis Snower, der das renommierte Institut für Weltwirtschaft in Kiel leitet, nahm Weber ausdrücklich in Schutz. Der Bundesbankchef erfülle alle Voraussetzungen, um ein phantastischer EZB-Präsident zu sein. Weber, so Snower, habe "ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl, einen riesigen Wissensstand, er interpretiert seine Aufgabe sehr breit, und er weiß, wie wichtig es ist, die Inflationserwartungen stabil zu halten".

Noch wesentlich ungestümer greift der Chef des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, Wolfgang Franz, den Laureaten Krugman an. Dieser habe den Nobelpreis vor zwei Jahren zwar verdientermaßen erhalten, doch nun schieße er den Vogel an Selbstsicherheit ab, schimpft der wirtschaftsliberale Arbeitsmarktexperte im Handelsblatt. Überschrift des Beitrags: "Wie wäre es mit Fakten, Herr Krugman?"

Es folgt eine Kanonade von Fragen: "Wo nahm denn die Finanzkrise ihren Anfang? Welche Zentralbank hat denn eine viel zu expansive Geldpolitik betrieben? Welches Land beschritt sozialpolitische Irrwege, indem einkommensschwache Haushalte mit Hypothekendarlehen beglückt wurden, die sie nie und nimmer abbezahlen konnten? Wer hat denn im Jahr 2004 die Regulierungen zur Begrenzung des Schuldenhebels von Investmentbanken stark abgeschwächt und 2008 die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrechen lassen und damit den Gau auf den internationalen Finanzmärkten eingeleitet?", will Franz wissen.

Immobilienblasen auf beiden Seiten des Atlantiks

Für den US-Ökonom Krugman sind diese Nachfragen allerdings nur ein Zeichen dafür, dass die Deutschen vieles noch nicht verstanden haben: "Nein, es waren nicht die Anreize der Regierung für Darlehen an einkommensschwache Haushalte, die die Finanzkrise ausgelöst haben; das ist eine Zombielüge", ereifert er sich in seinem Blog bei der New York Times. Ganz so, als sei es nicht der einstige US-Notenbankchef Alan Greenspan gewesen, der mit einer Politik des billigen Geldes die Amerikaner in den Trancezustand eines verdienten Wohlstands versetzt hatte.