Von Nikolaus Piper

Ob Tulpenzwiebel-Spekulation oder Internet-Krise: Der Kapitalismus war gegen Verwerfungen noch nie gefeit. Das Gute daran: Aus früheren Zusammenbrüchen lässt sich lernen.

Einer der heimlichen Helden der Wirtschaftswissenschaft heißt Benjamin Graham. Der heute in Deutschland weitgehend unbekannte Ökonom unterrichtete fast dreißig Jahre lang, von 1928 bis 1957, an der Columbia-Universität in New York. Er war aber nicht nur Professor, sondern auch ein überaus erfolgreicher Investor. Seinem Schüler Warren Buffett, heute der reichste Mann der Welt, gab er diesen Satz mit auf den Weg: "Sie können viel mehr Ärger mit einer guten Idee bekommen als mit einer schlechten."

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Was heute wackelige Schrottpapiere sind, waren vor 150 Jahren Eisenbahnen. Damals bekam die Ohio Life Insurance and Trust Company erhebliche finanzielle Probleme, weil sie in marode Eisenbahnen investiert hatte. Im Bild zu sehen: Die Lübeck-Büchener Eisenbahn aus dem Jahr 1939. (© Foto: dpa)

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Der Satz enthält die denkbar beste und kürzeste Krisentheorie des Kapitalismus. Etwas ausführlicher formuliert: Die Kräfte des Marktes reichen aus, um Schrott auszusondern. Wenn die Kunden ein Produkt nicht mögen, dann kaufen sie es eben nicht. Gute Ideen dagegen setzen sich durch. Dass auch diese Ideen schlechte Seiten haben, merkt man oft erst, wenn es zu spät ist. "Es liegt eine Gefahr darin, wenn man von den Erfahrungen der Vergangenheit auf die Ergebnisse der Zukunft schließt", schrieb der Ökonom John Maynard Keynes bereits 1928.

Es war eine gute Idee, die am Beginn der verrücktesten Spekulationsblase der Geschichte stand, der holländischen Tulpenzwiebel-Spekulation. Im 17. Jahrhundert wurden die Holländer durch den Überseehandel reich. Ein breites Bürgertum entstand, das sich schöne Häuser leisten konnte, die von ebenso schönen Gärten umgeben waren. Und in diese Gärten pflanzten sie Tulpen, damals noch eine Luxuspflanze. Einige Spekulanten kalkulierten so: Je reicher die Bürger, desto teurer die Tulpen - und begannen zu kaufen. Das war 1634. Tatsächlich begann der Preis zu steigen, was neue Nachfrager auf den Plan rief. Schließlich geriet das Land in einen Taumel. Wer immer Geld hatte, kaufte Tulpenzwiebeln zu horrenden Preisen. Fast mittellose Mägde und Knechte verschuldeten sich, um mitspekulieren zu können. Das ging solange, bis im Jahr 1637 ein Spekulant den erwarteten Preis nicht mehr erlöste. Die Blase platzte, und tausende Holländer büßten für ihren Leichtsinn mit bitterer Armut.

Börsianer vergessen das Risiko

Auch der Bau von Eisenbahnen war eine gute Idee. Die Züge ließen Raum und Zeit in zuvor undenkbarer Weise schrumpfen. Dass sich aber trotzdem nicht jede Bahnlinie zu jedem Kuhdorf lohnt, das mussten viele erst schmerzhaft bei den Börsenkrächen des 19. Jahrhunderts lernen.

Was früher die Eisenbahn war, ist heute das Internet. Eine ganze Generation wächst heran, die sich die Welt ohne Email, Google und YouTube nicht mehr vorstellen kann. Es bedurfte aber erst der Krise von 2000 und 2001, damit die Märkte realisierten, dass nicht jedes Geschäft funktioniert, bei dem ein "E" davorsteht. Und dass auch im Internet-Zeitalter eine Aktie überteuert ist, wenn man 250 Jahre braucht, um aus dem Gewinn deren Kaufpreis zu finanzieren. So geschehen bei EM.TV, einem der deutschen Star-Unternehmen der New Economy.

Schließlich gab es auch unter den Finanzinnovationen der letzten Jahre viele tolle Ideen. Zum Beispiel Wertpapiere, die man wie eine Versicherung gegen die Insolvenz eines Unternehmens einsetzen kann. Die Idee ist so gut, dass viele kluge Leute an der Wall Street glaubten, es gebe gar keine Risiken mehr, gegen die man Vorsorge treffen müsse und man mit Schulden fast alles machen könne. Dabei herausgekommen ist die schlimmste Krise seit achtzig Jahren.

Gute und schlechte Zeiten hat es seit Menschengedenken gegeben. Die sieben fetten und sieben mageren Jahre aus dem zweiten Buch Moses sind sprichwörtlich geworden. In Grimms Märchen setzen die Eltern von Hänsel und Gretel ihre armen Kinder im Wald aus, weil eine "große Teuerung" das Land heimsucht und der Vater "das tägliche Brot nicht mehr schaffen" konnte. Früher waren Notzeiten die Folge von Krieg, Missernten oder Naturkatastrophen. Mit Beginn des Kapitalismus lösten sich Krisen von solchen Ereignissen. Sie wurden zwar nicht schlimmer, wohl aber schwerer fassbar.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wieso Auf- und Abschwünge im Kapitalismus unvermeidbar sind.

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