Japan nach Fukushima Atomkraft ist der neue Walfang

Demonstranten protestieren gegen das Wiederhochfahren das Atomkraftwerks Sendai in der Präfektur Kagoshima.

(Foto: REUTERS)
  • Erstmals seit zwei Jahren ist an diesem Dienstag ein japanisches Atomkraftwerk ans Netz gegangen.
  • Die Atomlobby in Japan ist wieder erstarkt.
  • Japans Premier Shinzo Abe zahlt einen hohen politischen Preis.
Von Christoph Neidhart, Tokio

Damit zeigt Japans Premier Shinzo Abe, wie wenig er sich um die öffentliche Meinung schert: Erstmals seit zwei Jahren ist an diesem Dienstag ein japanisches Atomkraftwerk ans Netz gegangen. "Sicherheit kommt zuerst", beruhigt Abe. Dabei wurden die Vorschriften für die Zulassung des 30 Jahre alten Meilers von Sendai, der von fünf aktiven Vulkanen umgeben ist, äußerst locker umgesetzt. Abe setzt auf die Kernkraft. Der Energiemix, auf den sich seine Regierung festgelegt hat, sieht 22 Prozent Atomstrom für das Jahr 2030 vor.

Abe hat vier Gründe, auf die Kernkraft zu setzen. Einerseits soll sie die Wirtschaft beleben. "Abenomics", sein Maßnahmenbündel zur Ankurbelung der Wirtschaft, hat bisher nur die Börse beflügelt, den Immobilienmarkt belebt und - mit dem schwachen Yen - mehr Touristen ins Land gelockt. Den kleinen Leuten hat es nicht geholfen, sie haben im Durchschnitt heute sogar weniger Geld in der Tasche. Falls Japan den Import fossiler Brennstoffe verringern kann, so die Überlegung, dann hilft das der Wirtschaft. Rechnerisch mag das stimmen, doch Japans börsennotierte Firmen sitzen zusammen auf 100 Billionen Yen Cash, 750 Milliarden Euro. Diese Wirtschaft braucht nicht mehr Geld, sie braucht Strukturreformen.

Zweitens möchte Abe Nuklearanlagen ins Ausland verkaufen, zum Beispiel auf die Arabische Halbinsel. Das kann er schlecht, wenn die Japaner den AKWs nicht trauen. Über den dritten Grund tuschelt man nur. Der Premier und seine Partei sind eng mit dem "atomaren Dorf" verfilzt, wie die japanische Atomlobby genannt wird. Sie hat sich, seit Abe im Amt ist, von Fukushima aufgerappelt und zieht wieder ihre Fäden.

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Viele alte Bekannte, die das Reaktorunglück von Fukushima mit zu verantworten hatten, sind weiter für die Sicherheit von Kernanlagen zuständig. Außerdem verlangt Washington von Japan, dass es an der Kernkraft festhält, weil die Fortschritte in dieser Technologie, die auch militärisch relevant ist, sonst von China und Russland gemacht würden.

Auf der Strecke bleiben die erneuerbaren Energien, nicht nur die Sonnen- und die Windkraftwerke, sondern auch die in einem Land mit 108 aktiven Vulkanen vielsprechende Geothermie. Zwar setzen Private, Unternehmen und Lokalregierungen auf Erneuerbare. Aber Abe hat die Einspeisetarife reduziert, die von seinem Vorgängern festgesetzt wurden. Zudem dürfen die Stromfirmen Solarstromanbieter nun wieder ablehnen. Kyushu Electric, die Betreiberin von Sendai, weigert sich, neue Sonnenstromanbieter zu akzeptieren.

Kredit: SZ-Grafik, Quelle: Bloomberg

Ob Abe der Wirtschaft mit der Kernenergie kurzfristig hilft, ist nicht klar. Von Ōi 3 und Ōi 4, den einzigen Reaktoren, die nach Fukushima angeschaltet wurden, erhielt die Wirtschaft keine Impulse. Sie liefen 2012 und 2013 vierzehn Monate. Langfristig schadet die Fixierung auf die Kernkraft Japan. Sie beraubt die Wirtschaft der Chance, mit Staatszuschüssen eine Energieversorgung der Zukunft zu entwickeln, die sie exportieren könnte.

Der Widerstand ist groß

Außerdem wird es kaum möglich sein, die Japaner künftig für neue AKWs zu gewinnen. Die gegenwärtige Flotte nähert sich jedoch ihrem Laufzeitlimit. Somit drohen Japan mit der Kernkraft mittelfristig Energieengpässe, nicht ohne sie. Sendai ist das erste AKW, Takahama soll folgen. Doch der Widerstand ist groß. In Niigata, dem Standort von Kashiwazaki-Kariwa, dem größten Kernkraftwerk der Welt und dem einzigen, das Tepco geblieben ist, verweigert der Gouverneur den Betreibern eine Betriebsbewilligung.

Die Sendai-Anlage der Firma Kyushu Electric Power

(Foto: dpa)

Abe hat gegenüber der Atomlobby Wort gehalten und sein Gesicht gewahrt. Dafür zahlt er viel politisches Kapital, ohne dass die Wirtschaft spürbar profitiert. Es wird erwartet, dass schließlich etwa zehn Reaktoren ans Netz gehen. Zu wenig für einen ökonomischen Effekt, aber politisch zu viel. Also die schlechteste Lösung.

Die Kernkraft ist eine Technik von gestern. Nicht nur, weil ihre Sicherheit im von Erdbeben, Vulkanen und Taifunen gebeutelten Japan nicht garantiert werden kann, sondern weil sie angesichts der Fortschritte bei den Alternativenergien zu teuer ist. Eine Methode von gestern ist auch der Walfang. Nach dem Krieg drängten die USA die Japaner zum industriellen Walfang, um ihre Proteinversorgung zu sichern. Die westlichen Walfangnationen, die erkannten hatten, dass die Jagd auf Meeressäuger zu Ende gehen würde, verramschten den Japanern auch gleich ihre Walfangboote. Wal wurde zum festen Bestandteil japanischer Schulspeisungen. Ältere erinnern sich ungern an den Geschmack, Liebhaber gibt es wenige.

Dennoch hält die japanische Regierung - zu hohen politischen und diplomatischen Kosten - stur am pseudo-wissenschaftlichen Walfangprogramm fest. Er sei eine japanische Tradition. Die Kernkraft droht nun, zu Abes neuem Walfang zu werden. Wie einst die alten Boote haben die Amerikaner Atomenergiefirmen nach Japan verkauft, Westinghouse etwa. Die meisten Japaner sind gegen die Kernkraft. Doch Abe ist gewillt, einen hohen politischen Preis zu zahlen, ohne dass er damit dem Hightech-Land hilft.