Italien Stoff statt Plastik

Die Italiener packen um: Im Land der Plastiktüten kommt der Einkauf nur noch in die Ökotasche. Mamma mia!

Von Andrea Bachstein, Rom

Es ist in Italien nicht alles anders geworden über Nacht: Am Montag, dem ersten Werktag, seit die Vermarktung herkömmlicher Plastiktüten verboten ist, sieht man die meisten Leute wie bisher ihren Einkauf in Polyethylenbeuteln nach Hause tragen. Neu ist allerdings, dass die Kunden sie nicht bezahlen mussten. Bis ihre Vorräte aufgebraucht sind, können die Geschäfte auch nach dem 1. Januar Plastiktüten ausgeben, sie aber nicht mehr berechnen.

Das kurz vor Weihnachten verabschiedete Umweltschutzgesetz verbietet nicht die Tüten, sondern deren Vermarktung. Ein paar Wochen werde es wohl noch dauern, bis sie ganz auf biologisch abbaubare Tüten umstellen, sagt der Marktleiter einer Filiale der Supermarktkette Metà. In dem Geschäft an der Viale dei Colli Portuensi, einer Hauptstraße im Westen Roms, hat er aber beobachtet, dass schon seit der vergangenen Woche einige Kunden mehr als bisher zum Einkauf Stoffbeutel oder andere Taschen mitbringen. Bestellt hat der Supermarkt die ökologisch korrekten Tüten schon. Sie werden auf jeden Fall deutlich teurer sein als die alten. Statt bisher fünf Cent, sagt der Metà-Marktleiter, würden die neuen dann neun oder zehn Cent kosten.

In einem der kleinen, für Wohnviertel typischen Selbstbedienungs-Alimentari ist die Lage ähnlich. Die Inhaberin des zur Margherita-Kette (Conad) gehörenden Laden Fratelli, Fanti di Zanata sagt, sie erwarte die Lieferung der Öko-Tüten für diesen Dienstag. Aber auch sie will die vorhandenen alten Tüten umsonst abgeben, bis sie aus sind.

Die Haltbarkeit von Alternativtüten dagegen hat sich schon als Problem erwiesen. Einige Läden haben sie bereits Beutel aus einem auf Maisstärke basierenden Material eingeführt. Kunden beklagen sich, dass diese "sacchetti" viel zu leicht zerreißen, sogar schon beim Einpacken an der Kasse. Wo es nicht um Lebensmittel geht, haben immer mehr Geschäfte seit geraumer Zeit damit angefangen, auf Papiertüten umzustellen.

Der Abschied von der Plastiktüte wird den Italienern eine gewaltige Verhaltensänderung abverlangen. Sie sind bisher in Europa die Spitzenverbraucher der aus viel Erdöl erzeugten Beutel. Das summiert sich auf 25 Milliarden Tüten im Jahr, durchschnittlich 300 Stück pro Kopf. Allein auf die Hauptstadt Rom sind dabei bisher 1,6 Milliarden Tüten entfallen. Auf solche Mengen zu kommen, war bisher leicht. Nicht nur beim Großeinkauf wurden immer ungefragt Tüten zur Ware gelegt. Auch ein Sträußchen Petersilie auf dem Markt oder fünf Schrauben im Eisenwarenladen werden grundsätzlich in Plastiktüten überreicht. Wer keine will, darf mit einem erstaunten Blick des Verkäufers rechnen.