Hans Tietmeyer Der letzte Hüter der D-Mark ist tot

1990 ging Hans Tietmeyer zur Bundesbank

(Foto: Regina Schmeken/SZ Photo)

Hans Tietmeyer gestaltete maßgeblich die deutsche Wiedervereinigung mit - und die Einführung des Euro.

Nachruf von Marc Beise

Einen wie ihn hat es nicht noch einmal gegeben. Eine Legende, das sagt man schnell daher, wenn einer davongegangen ist, der seit Jahrzehnten auf seinem Gebiet wichtig war, der einen ein Leben begleitet hat, der ein Fixpunkt war. Hans Tietmeyer, geboren am 18. August 1931 in Metelen in Westfalen, ist eine wirtschafts- und währungspolitische Legende, ein deutscher Politiker und Beamter und Notenbanker, zu seiner Zeit bekannt und angesehen in der ganzen Welt. Sein berufliches Leben spann sich von Ludwig Erhard, dem er im Wirtschaftsministerium diente, bis ins 21. Jahrhundert, von der D-Mark bis zum Euro, und dazwischen lag die Wiedervereinigung. Theo Waigel, der Bundesfinanzminister und Vater des Euro, dem er lange zugearbeitet hat, nennt ihn einen "Solitär".

Als Hans Tietmeyer im Jahr 1962 im Bundeswirtschaftsministerium als Hilfsreferent für Grundsatzfragen der Wirtschaftspolitik begann, hieß sein Minister noch Ludwig Erhard, in der Großen Koalition wurde es der Sozialdemokrat Karl Schiller, der ihn förderte und beförderte. Tietmeyer erlebte drei CDU-Kanzler und den Wechsel zum Sozialdemokraten Willy Brandt. In der sozialliberalen Koalition galt der CDU-Politiker, der sich auch für Funktionen im Ortsverein Bad Godesberg nicht zu schade war, als das ordnungspolitische Gewissen der Regierung. Am Partnerwechsel der FDP von der SPD zur CDU und dem Sturz des Bundeskanzlers Helmut Schmidt war er, sagen wir: nicht unbeteiligt.

Zwar ist es nicht ganz richtig, wenn es gerne heißt, Tietmeyer sei der Autor des berühmten "Wendepapiers" von 1982 gewesen, mit der der FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff das Ende der sozialliberalen Koalition einläutete, aber es ist auch nicht ganz falsch. Tietmeyer hat das Papier nicht "geschrieben", schon gar nicht alleine, aber er war, das kann man wohl sagen, inhaltlich maßgeblich beteiligt. Was angesichts seines Lebenslaufes und seiner Ansichten nur folgerichtig war.

Der in Münster, Bonn und Köln ausgebildete promovierte Volkswirt war ein Ökonom der klassischen Schule: ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft, stabilitätsorientiert, mit Blick auf die Angebotsseite, also die Rahmenbedingungen für Unternehmen - und skeptisch gegenüber zu viel Staatseinfluss und überschießenden Sozialleistungen. Derart vorgeprägt und verbunden mit einer der Herkunft geschuldeten westfälischen Dickschädeligkeit war in den späten Achtzigerjahren der Wechsel des Koalitionspartners hin zur CDU fast zwingend erforderlich.

In der neuen CDU/CSU/FDP-Koalition unter Helmut Kohl wechselte Tietmeyer als einer von zwei beamteten Staatssekretären zu Finanzminister Gerhard Stoltenberg. Er war für die "harten" Sachen zuständig, für Privatisierung, Geld- und Kreditwesen und die besonders komplizierten internationale Finanz- und Währungsbeziehungen. Als "Sherpa" bereitete er für Kanzler Kohl die jährlichen G-7-Treffen der größten Volkswirtschaften vor. Bei wichtigen Abkommen zur Stabilisierung des weltweiten Wechselkursgefüges (die Fachleute sperchen vom Plaza- und vom Louvre-Abkommen) spielte er international eine Schlüsselrolle.

Solche Aufgaben brachten einen damals ins Fadenkreuz des Terrorismus, aber Tietmeyer hatte mehr Glück als Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer: Während dieser im "Deutschen Herbst 1977" von RAF-Terroristen entführt und später ermordet wurde, entkamen Tietmeyer und sein Fahrer bei einem Anschlag im September 1988 mit durchschossen Reifen.

Als 1989 CSU-Mann Theo Waigel Finanzminister wurde, auf den rasch die Auflösung der DDR, neue Machtverhältnisse zwischen Ost und West und neue internationale Konstellationen einprasselten, machte ihn Tietmeyer in Tages- und Nachtsitzungen für die neue Aufgabe fit. Waigel erinnert sich, wie er abends im Privathaus von Tietmeyer über all den Informationen auf dem Stuhl einnickte, Tietmeyer aber unerbittlich weiter vortrug, bis der junge Minister wieder aufwachte; eine Wiederholung für die verpassten Passagen kam nicht in Frage.

Bald bat Tietmeyer, in die Deutsche Bundesbank wechseln zu dürfen, was Waigel ihm schweren Herzens bewilligte, erst als zweiter Mann, 1993 als siebter Präsident der Notenbank. Tietmeyer war der letzte Hüter der Währung, der noch über die ganze Macht der D-Mark gebot - und er war ab 1999 der erste deutsche Vertreter im EZB-Rat, der über die neue europäische Währung wachte.

In den aufregenden Jahren dazwischen webte er maßgeblich an der neuen Währung mit, entschied im Einklang mit Waigel, dass sie 1997 noch nicht kommen sollte, weil es noch keine ausreichenden Stabilitätsregeln gab, hielt aber die Einführung 1999 für vertretbar; so ist es ja dann auch gekommen. Dass der Euro sich später nicht als Katalysator eines vereinigten Europas entpuppte, sondern zum Problem wurde, dass immer mehr Staaten gegen ihre Versprechungen verstießen, dass sie den Stabilitätspakt missachteten - auch Deutschland -, war nicht in seinem Sinne. Daran hat er gelitten.

Anders aber als sein damaliger Vize Jürgen Stark hat sich Tietmeyer auch nach seiner aktiven Zeit nie vom Euro distanziert, schon gar nicht hätte er den Austritt Deutschlands aus der Währungsunion oder Klagen gegen den Euro vor dem Bundesverfassungsgericht unterstützt.

Tietmeyer starb am Dienstag. Er wurde 85 Jahre alt.

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