Handel Drogerie-Streit eskaliert

Im Drogeriemarkt dm kauft der Kunde auch, ohne es zu wissen, Aktionsware, die vorher bei Rossmann, Müller oder Kaufland im Regal stand.

(Foto: Martin Schutt/dpa)
  • Die Drogeriekette dm rät ihren Mitarbeitern dazu, bei Schnäppchen-Angeboten der Konkurrenz zuzuschlagen, wenn die Preise niedrig genug sind.
  • Die Produkte werden dann in den dm-Märkten mit Preisaufschlag weiterverkauft.
  • Als eine dm-Mitarbeiterin jetzt beim Konkurrenten Rossmann große Mengen Drogerieartikel kaufen wollte, eskalierte die Situation.
Von Michael Kläsgen

Selbst die Polizei war da. Denn Giannina Zentrich, Mitarbeiterin der Drogeriemarktkette dm, hatte Anzeige wegen Beleidigung erstattet. Dabei war sie es gewesen, die für Ärger gesorgt hatte, jedenfalls aus Sicht des dm-Konkurrenten Rossmann. Denn Zentrich wollte, wie ein Rossmann-Sprecher sagt, in der Filiale in Bedburg-Hau "zwei randvoll gefüllte Einkaufswagen mit Markenartikeln einkaufen: 28 Mal Perwoll, 25 Mal Odol, 75 Mal Guhl, und so weiter." Angeblich alles, um mit der Rossmann-Ware die Regale des dm in Kalkar zu füllen, in dem Zentrich arbeitet.

Zu dem Einkauf kam es aber nicht. Denn die Rossmänner und -frauen verweigerten Zentrich den Großeinkauf. Sie erlaubten ihr, nur maximal drei Artikel von jedem Produkt zu kaufen, was Einzelhändler "haushaltsüblich" nennen. Die Rossmann-Mitarbeiter taten das aufgrund einer Anweisung aus der Firmenzentrale.

Darin werden "Masseneinkäufe" ausdrücklich untersagt. Das gilt übrigens auch für Milchpulverprodukte für Babys - sie werden in rauen Mengen von Chinesen gehamstert, nachdem es in der Volksrepublik einen Milchskandal gegeben hatte. An den Rossmann-Regalen hängen jetzt Schilder, die darauf hinweisen, wie viel von dem Pulver maximal gekauft werden darf.

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Über das, was sich an der Rossmann-Kasse in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Bedburg abspielte, gibt es Aufnahmen der Überwachungskamera und Protokolle der Mitarbeiterinnen. Die Polizei erstellte einen Bericht und Zentrich schilderte ausführlich auf Facebook, was ihr angeblich widerfuhr. Sie fühlt sich "gedemütigt und zutiefst diskriminiert". Ihre Anzeige wegen Beleidigung hat sie allerdings mittlerweile zurückgezogen.

Es sind die bislang schrillsten Dokumente eines bizarren Streits, der die gesamte Branche aufwühlt. Es geht um die "Fremdeinkäufe" der Drogeriemarktkette dm bei der Konkurrenz, nicht nur bei Rossmann, auch bei Rivalen wie Aldi, Lidl, Kaufland, Müller oder Budnikowsky. Christoph Werner, der Sohn von dm-Gründer Götz Werner, ist in seiner Funktion als Marketing-Geschäftsführer dafür verantwortlich. Er steht auch öffentlich dazu. Das Unternehmen bestätigte schon im letzten November, dass man diese Fremdeinkäufe tätige. Der Grund: Zwar ist dm der umsatzstärkste Drogeriemarkt in Deutschland, die Firmenleitung glaubt aber trotzdem, die Ware teurer bei Herstellern und Lieferanten einkaufen zu müssen als die Konkurrenz. Daher sei der Branchenführer auf diese "verdeckte Einkaufspolitik" angewiesen.

Die Zentrale von dm gibt Mitarbeitern regelmäßig Tipps

Dabei geht dm sehr professionell vor. Regelmäßig stellt die Zentrale in Karlsruhe den Mitarbeitern in den Filialen Informationen darüber zur Verfügung, wo die "günstigste Einkaufsquelle für ihren Markt" ist. Diese Quellen können auch "Mitbewerber" sein. Niemand werde dadurch geschädigt, gibt sich Werner überzeugt. Denn die Konkurrenz verkaufe ja wohl kaum unter Einstandspreis, meint der Gründer-Sohn.

Doch für so einfach hält man die Rechnung bei Rossmann und wohl auch bei anderen nicht. Die Preise in einem Laden seien in der Regel das Ergebnis einer Mischkalkulation. Es gebe mithilfe von Werbung angepriesene Aktionspreise und "normale", also höhere, Preise. Wenn nun aber die gesamte Aktionsware von Konkurrenten abgeräumt werde und der Rossmann-Kunde vor leeren Regalen stehe, so der Sprecher, dann trage das Unternehmen sehr wohl einen Schaden davon.

Branchenprimus dm tut hingegen so, als wolle er das nicht verstehen. Die Konkurrenz solle doch froh sein, wenn ihnen jemand die Ware abkaufe. Man sei in diesem Fall doch Rossmann-Kunde. Rossmann hält das für einen schlechten Scherz oder besser noch: für ein "massives Störmanöver" der Aktionswerbung. Seit Wochen würden Hunderte Rossmann-Filialen von "dm-Aufkäufern" regelrecht heimgesucht, die in großem Stil Werbeartikel abräumten, beklagt der Sprecher.

Die Fremdeinkäufe sind gesetzlich nicht verboten

Verhindern lassen sich die Aufkäufe allerdings nicht, erst recht nicht, wenn nur sogenannte "haushaltsübliche" Mengen eingekauft werden. Das sollen die dm-Leute üblicherweise auch tun. Angeblich schwärmen sie mehrmals täglich aus und kaufen in relativ kleinen Mengen. Eben nur nicht in Bedburg-Hau.

Verboten sind die Fremdeinkäufe nicht, sagt Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Rechtlich sei dagegen kaum etwas einzuwenden. Und üblich sei diese Praxis auch nicht. Entsprechend hat dm kaum Veranlassung dazu, mit seiner wunderlichen Einkaufspraxis aufzuhören. Es sei denn, das eigentliche Ziel dahinter, wird irgendwann erreicht: Nämlich, die Hersteller und Lieferanten dazu zu "erziehen", die Sonderangebote der Rivalen nicht mehr zu honorieren als die Marktmacht des Branchenführers. Rossmann erhält nämlich Werbekostenzuschüsse von den Herstellern, die dm mit seinem Dauerniedrigpreis-Prinzip nicht bekommt und ist insofern punktuell im Vorteil. Giannina Zentrich hat immerhin dazu beigetragen, die unterschiedlichen Ansätze der Drogerieketten noch mal in Erinnerung zu rufen.

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