Gesundheit Die elektronische Krankenakte nützt allen

Vorstoß zu elektronischer Patientenakte: Aufnahme eines CT-Geräts in Jena

(Foto: dpa)

Science-Fiction oder totale Gesundheitskontrolle? Eine elektronische Patientenakte für alle Versicherten ist keine Horrorvision - sondern eine gute Idee.

Kommentar von Ulrich Schäfer

Wenn es um grundlegende, strukturelle Fragen geht, ist das deutsche Gesundheitswesen nicht gerade ein Hort der Innovation. Ein besonders abschreckendes Beispiel dafür ist die elektronische Gesundheitskarte. Seit einem Jahrzehnt wird nun an dieser Karte herumgedoktert, Deutschland hätte - wenn denn die Interessenvertreter von Ärzteschaft, Krankenkassen, Kliniken, Selbstverwaltung und Industrie sich nicht gegenseitig blockiert hätten - schon vor Jahren weltweit führend sein können bei der digitalen Modernisierung seines Gesundheitswesens. Doch die Furcht, dass plötzlich Transparenz herrscht (und damit auch mehr Wettbewerb) und zum Beispiel ein Arzt sehen kann, was ein anderer (falsch) verordnet hat, hat dies verhindert.

Insofern ist es bemerkenswert, dass sich nun Jens Baas, der Chef der Techniker-Krankenkasse, mit einem noch weit darüber hinausgehenden Vorschlag an die Öffentlichkeit wagt. Er möchte eine elektronische Patientenakte für alle gesetzlich Versicherten in Deutschland schaffen. In solch einen Datenpool würden nicht nur die Arzt- und Klinikinformationen für jeden Patienten einfließen, sondern auch jene Daten, die immer mehr Menschen über ihre Fitness-Armbänder, digitalen Armbanduhren und andere tragbaren Messgeräte sammeln, die mit dem Internet verbunden sind. Die Kasse (oder auch der Arzt) soll die Daten dazu nutzen können, die Versicherten besser zu betreuen, den Medikationsplan zu überwachen, eine bessere Therapie zu empfehlen oder auch bloß mehr Sport, mehr Bewegung oder eine andere Ernährung. Diese elektronische Akte soll dem Patienten gehören, er soll jederzeit auf sie Zugriff haben und sie mitnehmen können, wenn er die Kasse wechselt.

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Die Frage ist, wer die Hoheit über die Patientendaten haben wird

Das klinge, gibt Techniker-Chef Baas zu, ein wenig nach Science-Fiction. Doch er ist davon überzeugt: Wenn die deutschen Krankenkassen sich der Sache nicht annehmen und ihren Kunden einen genauso guten Service bieten wie denjenigen, die bei Amazon einkaufen , dann werden es andere machen - im Zweifel die amerikanischen Internetkonzerne. Sie werden entsprechende Geschäftsmodelle entwickeln, um in diesen wirtschaftlich hoch interessanten, weil riesigen Gesundheitssektor einzudringen, in eine Branche, die in Deutschland deutlich mehr Geld umsetzt als die Autoindustrie und etwa viermal so viele Menschen beschäftigt. Wie beim selbstfahrenden, vernetzten Auto, wo die deutschen Autobauer gegen Google, Apple und Co antreten, geht es am Ende um die Frage: Wer hat die Hoheit über die Daten und bestimmt damit in einer datenbasierten Wirtschaft das Geschäft? Liegt also künftig der Großteil unserer Gesundheitsdaten auf einem Server im Silicon Valley oder aber, wenn man Kunde der Techniker-Kasse ist, auf einem Server in deren Zentrale in Hamburg-Barmbek?

Die elektronische Patientenakte, wie sie Baas vorschlägt, hätte für den Patienten den Vorteil, dass sie dem deutschen Datenschutz unterliegt. Und vor allem: Sie böte die Möglichkeit, den größtmöglichen Nutzen aus den ohnehin vorhandenen Patienten- und Trackingdaten zu ziehen, weil diese nicht an mehreren Stellen verstreut liegen, sondern an einer gebündelt.

Natürlich werden nun, wie bei der Gesundheitskarte, wieder die einzelnen Interessengruppen anfangen, den Vorschlag zu zerfleddern. Sie werden die technischen und regulatorischen Probleme betonen, anstatt die Chancen zu sehen, welche die elektronische Patientenakte bietet. Denn mehr Transparenz und eine passgenauere Behandlung nützen dem einzelnen Patienten, sie nützen aber auch dem Gesundheitswesen als Ganzes. Am Ende nämlich würde der gesamte Sektor dadurch effizienter und innovativer, und die Kosten, die alle zusammen tragen, würden sinken.

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