Geldwäsche in Russland Putins Mann für Dollars

Es geht um Betrug, Erpressung, Geldwäsche und Korruption: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt erhebt Anklage gegen einen kriminellen Kreis um den Putin-Vertrauten Leonid Reiman. Auch die Commerzbank ist in den Fall verwickelt.

Von Klaus Ott

Die Szene, die aus einem Agentenfilm stammen könnte, spielt in einem Hotel in London. Nach einigem Geplauder über sein Leben ("Es war früher so ruhig und angenehm") und seine Gesundheit ("Meine Rückenschmerzen bringen mich um") kommt ein Investmentbanker zur Sache. Er erzählt einem Anwalt von dunklen Geschäften und bittet um Rat. Es geht um Betrug und Erpressung, um Geldwäsche und Korruption, und das alles in Russland.

Die Machenschaften reichten bis in höchste Kreise, bis in die Regierung. Wer in der aufstrebenden Telefonbranche des Riesenreiches mitmischen wolle, müsse hohe "Gebühren" zahlen, mal via Zypern, mal über die Karibik. Aber nicht in bar, denn das sei zu gefährlich. Und vorsichtig müsse man sein. Telefone würden abgehört, und auch sonst werde ständig spioniert: "Sie sind überall, an jeder Ecke, in jedem Restaurant, in jedem Nachtklub."

Die Unterhaltung hat am 6. September 2004 stattgefunden und ist auf 51 eng beschriebenen Seiten Wort für Wort dokumentiert. Der Investmentbanker hat das Treffen heimlich auf Video aufgenommen und als Zeuge bei einem Verfahren in Zürich eingereicht, von wo aus eine Abschrift später zum Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden gelangte. Eine Sonderkommission des BKA wertete die Abschrift und andere Beweismittel für mutmaßlich kriminelle Transaktionen akribisch aus. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt nach jahrelangen Ermittlungen Anklage gegen mehrere Geschäftsleute, Anwälte und Ex-Banker wegen Geldwäsche erhoben.

In der Anklageschrift wird auf mehr als 100 Seiten im Detail beschrieben, wie viele Millionen Dollar aus Russland herausgeschafft und anschließend mit Hilfe von Mittelsmännern quer durch Europa transferiert und dann über die Bermudas wieder zurückgeflossen sein sollen. Die Frankfurter Strafverfolger kümmern sich unter anderem deshalb um die mutmaßliche Geldwäsche, weil auch die dort ansässige Commerzbank in den Fall verwickelt war.

In den Ermittlungsunterlagen taucht ein Name immer wieder auf: Leonid Reiman, 54, von 1999 bis 2008 Minister für Telekommunikation unter Präsident Wladimir Putin, dann bis 2010 Berater von Putins Nachfolger Dmitrij Medwedjew. In den neunziger Jahren war Reiman erst Vizechef der staatlichen Telefongesellschaft in St. Petersburg und dann Mitbegründer eines privaten Telekommunikationskonzerns gewesen. In einem BKA-Bericht ist der Verdacht notiert, eine Gruppe um Reiman habe in Russland einen Schaden von 440 Millionen Dollar verursacht. Der Putin-Vertraute habe sich bei der Privatisierung von Staatsbetrieben bereichert und mit dem illegal erworbenen Vermögen später Anteile an Telefon-Unternehmen gekauft. Über ein System von Scheinfirmen sei schmutziges Geld in vermeintlich sauberes verwandelt worden.

Der arme Herr Abramowitsch

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