Frances Stroh Plötzlich keine Milliardenerbin mehr

Bis heute ist Frances Stroh davon fasziniert, "was es bedeutet, Geld zu haben".

(Foto: Teren Oddo)

Als Kind genoss sie ein Leben in Saus und Braus - dann löste sich das Vermögen der Familie von Frances Stroh in Luft auf. Es war ein "Ritt auf der Rasierklinge", erzählt sie heute.

Von Claus Hulverscheidt, New York

Als Frances Stroh zum ersten Mal die fertige Video-Installation betrachtete, die ihr schon seit Jahren im Kopf herum spukte und die sie jetzt endlich verwirklicht hatte, überkam die Künstlerin ein regelrechter Horror. Sechs Fernsehschirme zeigten sechs verschiedene Münder, die sechs völlig unterschiedliche Versionen vom wirtschaftlichen Aufstieg und Fall ein und derselben amerikanischen Familie erzählten - ihrer Familie. Erst in diesem Moment verstand sie, so erzählt sie im Interview, "wie unterschiedlich unsere Sichtweisen waren, wie jeder von uns das Leben der anderen verkorkst hatte, und wie sehr sich die ganze Familie immer noch der Wahrheit verweigerte".

Die Wahrheit - das ist die Geschichte des deutschen Auswanderers Bernhard Stroh, der 1850 mit nichts als 150 Dollar und einem Rezept in der Tasche nach Detroit kam, und dessen Nachkommen aus einem kleinen Bierbetrieb schließlich den drittgrößten Brauereikonzern der USA formten. Noch vor 30 Jahren zählte das Wirtschaftsmagazin Forbes die Strohs zu den reichsten Familien Amerikas. Geschätztes Vermögen, auf heutige Werte umgerechnet: neun Milliarden Dollar. Die Wahrheit - das ist aber auch, dass von dem Geld nur wenige Jahre später nichts mehr übrig war. Es hatte sich nach einer ganzen Kette von Fehlentscheidungen und Schicksalsschlägen buchstäblich in Luft aufgelöst.

"Ich habe dieses alte Leben komplett los gelassen"

Zum Interview im "Caffe Trieste" in San Francisco erscheint Frances Stroh in Jeans, grauem T-Shirt und grau-grüner Lederjacke, ihre Augen blitzen, ihr Lachen ist ansteckend. Der Ort, den sie für das Treffen gewählt hat, ist wahrlich geschichtsträchtig: Hunderte Fotos an den in Rot und Ocker gestrichenen Wänden zeugen davon, dass hier bis heute Schriftsteller, Maler und andere Künstler ein und ausgehen. In den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war das italienische Café so eine Art Hauptquartier der "Beat-Bewegung" um Autoren wie Allen Ginsberg, Bob Kaufmann und Kenneth Rexroth. Francis Ford Coppola, der berühmte Regisseur, schrieb in dem Lokal einen Großteil des Drehbuchs zu seinem Meisterwerk "Der Pate".

Wenn man Frances Stroh so sieht und ihr zuhört, nimmt man ihr ab, dass sie den Verlust des Milliardenvermögens mittlerweile verarbeitet hat - vor allem aber all die Familiendramen, die sie als Kind, als Jugendliche und junge Erwachsene durchleben musste. "Wenn ich heute über meine Familiengeschichte spreche, dann habe ich oft das Gefühl, als seien das gar nicht wir gewesen", sagt die 50-Jährige. "Ich habe dieses alte Leben komplett los gelassen."

Als Kind genoss sie ein Leben in Saus und Braus - und doch war es kein unbeschwertes. Die Mutter hatte trotz des Reichtums Angst zu verarmen, ihr Vater trank, und immer wieder musste Frances mit ihm ein Spiel spielen, das sie abgrundtief hasste und das den Titel trug: Wie ich verhindere, dass ich entführt werde. Als junge Frau experimentierte sie mit LSD und Kokain, nur um zu erleben, dass der zweitälteste ihrer drei Brüder im Drogenrausch starb. Ihre Eltern trennten sich, der Vater heiratete eine ihrer Klassenkameradinnen.

Bis heute ist Stroh davon fasziniert, "was es bedeutet, Geld zu haben, welche Privilegien es Dir verschafft, wie sehr es die Persönlichkeit des Menschen prägt - und wie schnell es plötzlich weg sein kann". Aber ob der Reichtum ihrer Familie mehr Fluch oder mehr Segen war? "Ich weiß nicht. Es war ein ständiges Hin und Her - ein Ritt auf der Rasierklinge."

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