Folgen der Schuldenkrise Warum die Krise auch Deutschland trifft

Alarmstimmung im Wunderland: Deutschland brüstet sich oft, dass es so viel besser als viele andere Länder durch die große Finanzkrise gekommen ist. Doch diese Haltung sollte bald vorbei sein. Wenn sich die Ängste an den Märkten bewahrheiten, kommen auf Deutschland richtig schwere Zeiten zu.

Ein Kommentar von Martin Hesse

Amerika bangt um seinen Status als Wirtschaftssupermacht, Europa fängt von seinen Rändern an zu brennen. Die Finanzmärkte sind in Aufruhr, weil führende Industrienationen wie die USA, Italien und Japan im Schuldensumpf versacken. Investoren fürchten außerdem, China, Brasilien und andere Wachstumsgaranten der vergangenen Jahre könnten an Schwung verlieren. In der Finanzwelt macht sich eine ähnliche Untergangsstimmung breit wie im Herbst 2008, als die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers die Weltwirtschaft paralysierte. Und was ist mit Deutschland?

Deutschland galt in den vergangenen Monaten als eine Insel der Glückseligen. Die Wirtschaft wächst kräftig, die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit der Wiedervereinigung nicht. Deutsche Konzerne glänzen mit Rekordgewinnen und Investoren reißen sich um Bundesanleihen, weil Staatsanleihen made in Germany als einer der letzten sicheren Häfen im Schuldenmeer gelten. "Angela in Wunderland" dichtete Anfang des Jahres der Economist zu dem erstaunlichen Comeback Deutschlands.

In den kommenden Monaten wird sich zeigen, wie weit dieses zweite deutsche Wirtschaftswunder nach dem von Ludwig Erhard orchestrierten Wiederaufbau trägt. Zwar steht Deutschland heute besser da als die meisten anderen der sieben großen Industrienationen, die sich G 7 nennen und heute als die gebeutelten Sieben einen Krisengipfel nach dem anderen abhalten. Doch der nächsten globalen Krise, die sich jetzt an den Finanzmärkten ankündigt und die sich in den nächsten Monaten in der Weltwirtschaft entfalten dürfte, wird sich auch Deutschland nicht entziehen können.

Aus der Rezession nach dem Lehman-Kollaps befreite sich die deutsche Wirtschaft mit der Leichtigkeit eines Riesen, der sich in einem Wollknäuel verheddert hat. Nach einem kurzen Schreck spannte das Land einmal die Muskeln an, schüttelte sich kräftig und schritt dann mit großen Schritten vorwärts. Dafür gab es drei Gründe.

Erstens hatten sich viele Unternehmen schon nach der Rezession von 2002 einem schmerzhaften Wandel unterzogen. Sie bauten Stellen ab, modernisierten Produkte, Produktion und Strategie. Deshalb überstanden sie die Lehman-Krise besser als viele Wettbewerber. Zweitens kamen die hiesigen Unternehmen dank Konjunkturpaket und geförderter Kurzarbeit schneller wieder ins Geschäft. Deshalb profitierten sie überdurchschnittlich, als China und andere aufstrebende Märkte die Weltwirtschaft aus der Rezession zogen. Dieser erstaunlich rasche Aufschwung ist der dritte Grund für den deutschen Erfolg.

Die Weltwirtschaft ordnet sich neu. Die Herabstufung der USA durch die Ratingagentur Standard & Poor's ist das bislang sichtbarste Zeichen, dass Amerikas Führungsrolle bröckelt. Die USA und Großbritannien haben die Modernisierung ihrer Industrie vernachlässigt, sie setzten zu stark auf schuldenfinanzierten Konsum und das sich selbst nährende Wachstum des Finanzsektors. Sie werden viele Jahre brauchen, um diese Fehler zu korrigieren; Jahre, in denen China, Südkorea, Indien und andere Staaten aufsteigen. Deutschland aber, als Maschinist dieses Aufstiegs, hat grundsätzlich bessere Chancen, auch in der neuen Weltordnung eine starke Rolle zu spielen.

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