EZB-Studie zu Reichtum in Europa Empörung mit Ansage

Die Zahlen regen auf, sind aber nicht fair: Die Zyprer haben pro Haushalt viel mehr Vermögen als die Deutschen, heißt es in einer Studie der EZB. Doch zu viele Faktoren fließen kaum in die Berechnung ein - in der sich deshalb nur wenig Wahrheit verbirgt.

Ein Kommentar von Marc Beise

Ein neuer Vermögensvergleich für Europa befeuert die Euro-Debatte: "Unglaubliche Fakten", heißt es in den Kommentaren, der Reichtum stecke im Süden Europas; Spanier, Italiener, ja selbst Zyprer hätten im Schnitt mehr Vermögen als die Deutschen. Warum also sollten die Deutschen die Krisenländer retten? Der Unmut schaukelt sich wieder auf. Dies initiiert zu haben, war nicht die Intention der Europäischen Zentralbank, als sie nun erstmals eine Vermögensstudie für die Euro-Zone veröffentlicht hat. Im Gegenteil gaben sich die Notenbanker redlich Mühe, ihre Daten in den richtigen Zusammenhang zu stellen. Doch wer nicht hören will, der hört nicht - sondern schürt Empörung.

Es stimmt, dass die Bürger in Krisenstatten und sogar in Steueroasen im Durchschnitt mehr besitzen als die Deutschen. Die zyprischen Haushalte haben ein durchschnittliches Nettovermögen von rund 670.000 Euro, Spanien 290.000 Euro, Italien 275.000 Euro. Dagegen liegen die Deutschen nur bei 195.000 Euro, bei den Niederländern und den Finnen ist es sogar noch weniger. Und wenn man das sogenannte Medianvermögen heranzieht, also den Mittelwert der Bevölkerung insgesamt (die eine Hälfte der Gesellschaft hat mehr Vermögen, die andere weniger), dann liegt Deutschland sogar auf dem letzten Platz.

Aber: Die Zahlen sind richtig und falsch zugleich. Sie sind richtig als Momentaufnahme, und sie sind falsch - oder besser unvollständig -, wenn man die Umstände betrachtet. Um nur ein paar wichtige Einschränkungen zu nennen: Die Struktur des Sozialsystems ist zunächst sehr unterschiedlich. In Deutschland fließt ein maßgeblicher Teil des Einkommens direkt vom Arbeitgeber an die Sozialkassen, beispielsweise in die umlagefinanzierte Rente (Arbeitnehmer von heute zahlen für die Arbeitnehmer von gestern).

Dieses Geld ist damit als Vermögen gar nicht erkennbar. Im Süden dagegen bleibt viel mehr Netto vom Brutto und dient der Eigenvorsorge, etwa im Immobilienbesitz. Nicht von ungefähr haben Südeuropäer einen wesentlich höheren Immobilienbesitz als die Bürger im Norden. Und ausgerechnet im Jahr 2010, aus dem die Daten stammen (europäische Statistik mahlt langsam), waren die Hauspreise im Süden Europas auf Höchstniveau - ganz anders als in Deutschland.

Insgesamt kann man nicht ernsthaft bestreiten, dass es den Deutschen im Schnitt wesentlich besser geht als ihren Partnern im Euro. Vor allem haben sie die bessere Prognose: eine höhere Wirtschaftskraft, größere Innovationsfähigkeit, weniger Schulden, eine bessere Infrastruktur. Auch diese Elemente gehören in eine umfassende Vermögensrechnung.

Man darf - aus guten Gründen - die Politik des lockeren Geldes der EZB kritisieren. Man kann die Architektur der Rettungsmaßnahmen kritisieren. Man mag sogar, horribile dictu, ein Ende des Euro fordern. Man sollte dabei aber wahrhaftig bleiben und nicht mit unlauteren Argumenten werben. So viel Fairness hat jeder verdient - auch der Euro.