EU-Gipfel Luxemburger Mersch neuer Direktor der Europäischen Zentralbank

Gegen den Willen des Europaparlaments haben die EU-Länder Luxemburgs Notenbankchef Yves Mersch ins Direktorium der Europäischen Zentralbank berufen. Die Personalie hatte lange für Streit gesorgt, weil das Europaparlament eine Frau für das Spitzengremium der EZB gefordert hatte.

Yves Mersch, der neue EZB-Direktor, ist erfahren, blitzgescheit und kompetent.

(Foto: Patrick Hertzog/AFP)

Trotz Protests des Europäischen Parlaments (EP) gegen einen männlichen Kandidaten haben die Staats- und Regierungschefs auf dem EU-Gipfel Luxemburgs Notenbankchef Yves Mersch als neuen Direktor der Europäischen Zentralbank bestimmt. Für den 63-Jährigen ist das eine späte Genugtuung. Das Parlament hatte den Luxemburger vor einem Monat durchrasseln lassen, weil es eine Frau in den Herrenklub im Frankfurter EZB-Turm bringen wollte. Es war ein einmaliger Vorgang.

Dabei besteht an der fachlichen Qualifikation kein Zweifel. Seit 14 Jahren leitet Mersch Luxemburgs Zentralbank, ist damit dienstältester Notenbankchef der Euro-Zone. Er ist in geldpolitischen ein potenzieller Verbündeter von Bundesbankchef Jens Weidmann. Sein einziges Handicap war zuletzt sein Geschlecht: "Ja, ich muss leider bekennen, ich bin keine Frau", hatte er selbst scherzhaft festgestellt.

Die Volksvertreter im EP waren und sind sauer, weil Kanzlerin Angela Merkel und ihre Kollegen keine Frau für den Spitzenjob ins Rennen geschickt hatten. Mit Mersch bleibt das Gremium jetzt voraussichtlich bis 2018 eine reine Männerveranstaltung. Merkel hielt ihm trotz Protesten der Abgeordneten die Treue, und auch ihre EU-Amtskollegen. Dafür nehmen sie in Kauf, dass das schwierige Verhältnis zum Europaparlament einen weiteren Kratzer bekommt. Und auch, dass Mersch mit angeschlagener Legitimation ins Amt startet. Doch einen anderen Kandidaten gab es nicht. Und erpressen lassen wollten sich die Chefs auch nicht.

Schon 2010 hatte Mersch Interesse am Posten des Vizepräsidenten, hatte aber das Nachsehen gegen den Portugiesen Vítor Constâncio. Gehandelt wurde er auch, als im vergangenen Jahr ein Nachfolger für Notenbankchef Jean-Claude Trichet gesucht wurde. Da kam der Italiener Mario Draghi zum Zuge. Als Ende Mai der Spanier José Manuel González-Páramo aus dem Amt schied, schien Merschs Chance endlich gekommen. Mit kräftiger Schützenhilfe seines Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker konnte er schließlich auch den Widerstand der Spanier brechen, die noch um einen eigenen neuen Spitzenposten pokerten. Im Juni kam schließlich die Zustimmung der Euro-Gruppe, und kurz darauf der Segen der Staats- und Regierungschefs.

Welche Linie im Kampf gegen die Schuldenkrise?

Doch dann geriet Mersch zwischen die Fronten im Geschlechterkampf. Mit der frischen Anwaltslizenz in der Tasche hatte er seine Laufbahn 1975 im luxemburgischen Finanzministerium begonnen. Nach Zwischenstationen unter anderem beim Internationalen Währungsfonds (IWF), der nationalen Börsenaufsicht und als Chef des Schatzamtes eroberte er bei der Gründung der luxemburgischen Zentralbank 1998 deren Chefsessel, wo er bis heute sitzt. Als Notenbankchef war er seitdem auch schon Mitglied im EZB-Gouverneursrat.

Jetzt wird er ganz nach Frankfurt ziehen. Der verheiratete Vater von zwei Kindern galt eigentlich als währungspolitischer Hardliner. Deswegen hatte so mancher Abgeordnete aus den Südländern die Befürchtung, er könne gemeinsam Front mit Weidmann machen und gegen das Anleihenkaufprogramm der EZB schießen. Doch wenige Tage vor der Parlamentsabstimmung hatte sich Mersch auf die Seite von EZB-Chef Draghi geschlagen, und dessen Anleihenkäufe als "gewaltiges Bollwerk gegen zerstörerische Szenarien" gelobt. Klare Worte, die womöglich den ein oder anderen Abgeordneten in Straßburg umstimmen sollten. Ausgezahlt hat es sich nicht. Ins Amt kommt er jetzt trotzdem. Gespannt wird nun beobachtet werden, welche Linie der Luxemburger im Kampf gegen die Schuldenkrise einnimmt.