Software-Manipulation Audi tief in VW-Abgasaffäre verstrickt

"Ganz ohne Bescheißen" werde man die Grenzwerte nicht einhalten können, schrieb ein Audi-Ingenieur 2007 in einer E-Mail an mehrere Manager.

(Foto: dpa)
  • Audi soll in den USA jahrelang eine Software zur Manipulation von Schadstofftests eingesetzt haben.
  • Bisher hat Audi stets abgestritten, selbst manipuliert zu haben.
  • Nun steht der Verdacht im Raum, dass Audi nicht nur selbst betrogen hat, sondern auch die Betrugssoftware bei VW mitentwickelt hat.
Von Thomas Fromm und Klaus Ott

Die Volkswagen-Tochter Audi hat entgegen bisheriger Angaben offenbar über Jahre hinweg bei eigenen Dieselfahrzeugen gezielt eine Manipulation-Software eingesetzt, um die Abgas-Grenzwerte in den USA einhalten zu können. Betroffen sind nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR Autos mit Dreiliter-Motoren. Erkenntnisse darüber liegen der Kanzlei Jones Day vor, die im Auftrag des VW-Aufsichtsrats im Konzern ermittelt und die Affäre aufklären soll. Bereits 2007 schrieb nach diesen Informationen ein Audi-Ingenieur eine E-Mail an einen größeren Kreis von Managern des Autoherstellers. In der Mail heißt es, "ganz ohne Bescheißen" werde man es nicht schaffen, die strengen US-Normen für gesundheitsschädliche Stickoxide einzuhalten. Diese Mail gehört zu den zentralen Fundstücken der Ermittler. Deren Erkenntnissen zufolge sollen Audi-Ingenieure auch maßgeblich an den Manipulationen im Mutterkonzern VW mitgewirkt haben. Audi gilt mittlerweile im Konzern als die "Mutter des Betrugs". Volkswagen hatte vor einem Jahr zugegeben, über Jahre hinweg die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen in den USA und vielen anderen Ländern geschönt und die Behörden sowie die eigenen Kunden getäuscht zu haben.

Bisher hat Audi abgestritten, manipuliert zu haben. Der Ingolstädter Autohersteller beharrte darauf, dass man lediglich ein bestimmtes Detail der Motorsteuerung bei den US-Behörden nicht offengelegt habe. Das habe aber nichts mit Betrug zu tun gehabt.

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Auf umfangreiche Anfragen von SZ, NDR und WDR teilte Audi jetzt mit, man könne sich wegen der noch laufenden Ermittlungen nicht zu den neuen Vorwürfen äußern. Man sei an das "Schweigegebot" der US-Justiz gebunden, die sich intensiv mit der Abgasaffäre befasst. Behörden in den USA haben zahlreiche Informationen zusammengetragen, wonach Manager und Ingenieure von Audi an der Entwicklung und der Einführung jener Software beteiligt waren, mit der die Abgaswerte manipuliert worden waren.

Zwei Staatsanwaltschaften beschäftigen sich nun mit dem Fall Audi

Diese Audi-Beschäftigten sind in den US-Unterlagen genannt. Die für den in Wolfsburg ansässigen VW-Konzern zuständige Staatsanwaltschaft in Braunschweig prüft derzeit, ob sich aus solchen US-Unterlagen ein Anfangsverdacht gegen Audi-Mitarbeiter im Hinblick auf die Manipulation von Volkswagen-Motoren ergibt. Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugsverdachts bereits gegen zahlreiche VW-Beschäftigte.

Die Staatsanwaltschaft München II prüft, ob es bei den von Audi entwickelten Motoren einen Anfangsverdacht für Straftaten gibt. Die Münchner Behörde hat bislang allerdings kein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Von den mutmaßlichen Manipulationen bei Audi sollen mehrere Spitzenleute der Ingolstädter Marke gewusst oder zumindest später davon erfahren haben, ohne die Verfehlungen zu beenden oder den Aufsichtsrat einzuschalten.

Vier hochrangige Motoren-Entwickler sind inzwischen beurlaubt worden. Derzeit verhandelt Audi mit dem bisherigen Entwicklungsvorstand Stefan Knirsch über die Konditionen für dessen Ausscheiden. Knirsch gilt als schwer belastet. Nach Angaben aus Konzernkreisen soll er fristlos gekündigt werden, falls er sich einer Aufhebung seines Vorstandsvertrages widersetzt. Der Aufsichtsrat sei sich einig und werde notfalls hart agieren. Bis Mitte nächster Woche habe Knirsch noch Zeit für eine einvernehmliche Lösung. Der bisherige Entwicklungsvorstand hat seinerseits intern die Vorwürfe zurückgewiesen.

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