China Kursbeben lässt deutsche Unternehmen zittern

Deutsche Firmen verdienten jahrelang bestens mit dem Export nach China. Das könnte sich jetzt ändern.

Kommentar von Karl-Heinz Büschemann

War das schön. Die Weltwirtschaft konnte zuweilen in den größten Schwierigkeiten stecken, doch die deutsche Wirtschaft spürte davon meist wenig. Der Grund dafür lag im Fernen Osten. Die Volksrepublik China mit ihren knapp anderthalb Milliarden Menschen konnte in den Augen westlicher Manager immer wieder ein ungläubiges Leuchten erzeugen.

Mochte der deutsche Heimatmarkt für Maschinen oder Autos verstopft sein, die rasant wachsende Nachfrage aus China mit lange Zeit zweistelligen Wachstumsraten riss die Zahlen wieder nach oben. China war die große Exportlokomotive für die Deutschen. Bei manchem Unternehmenschef hatte man den Eindruck, er verlasse sich darauf, dass China die Umsätze und Gewinne schon heranschaffen werde, die andere Märkte nicht mehr bieten konnten.

China verliert Zugkraft

Jetzt mehren sich ernste Krisenzeichen in Fernost. Die Börsenturbulenzen in China, welche die Aktienkurse binnen kurzer Zeit um ein Drittel einbrechen ließen, werfen ein Schlaglicht auf den Markt, der seine verlässliche Zugkraft für westliche Exporteure verliert.

Allein am Montag war die wichtige Börse in Shanghai so stark abgerutscht wie seit acht Jahren nicht mehr, und das an einem einzigen Tag. Die Investoren sollten darüber nachdenken, ob ihre Hoffnungen auf die Zugkraft der Wachstumslokomotive China noch berechtigt sind.

Die Börsenturbulenzen sind ein klares Indiz dafür, dass die Konjunktur in dem fernöstlichen Großmarkt in Turbulenzen gerät und sich gravierende Folgen für die westlichen Unternehmen ankündigen. Ein Konzern wie Volkswagen macht mehr als die Hälfte seines Gewinns in China und ist besonders abhängig von diesem Markt.

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Drei Jahrzehnte war der Handel mit China für Deutschland eine einzige Erfolgsgeschichte. Im vergangenen Jahr lieferten deutsche Maschinenbauer oder Autohersteller Produkte für 80 Milliarden Euro nach China. Das Land ist der viertgrößte Abnehmer deutscher Exportprodukte nach Frankreich, den USA und Großbritannien und der größte Markt für deutsche Maschinen. Deutschland verdankt dieser Entwicklung nicht nur den Titel des Exportweltmeisters, sondern auch einen großen Teil seines Wohlstandes.

Der Wachstumsmotor China stottert. Die Zuwächse liegen zwar immer noch weit über den in der westlichen Welt üblichen Kennziffern. Aber schon der Wegfall von einigen Prozentpunkten hat erhebliche Wirkung auf die ausländischen Lieferanten. Lange hat China die Welt vor einer globalen Rezession bewahrt. Jetzt wird es zum Risiko. Wenn es jetzt zu einer weltweiten Wachstumsschwäche kommt, liegt das an China.

Breiter aufstellen

Inzwischen kommen Alarmzeichen bei den ausländischen Lieferanten an. Der Automarkt, der bislang für die deutschen Hersteller ein Selbstläufer zu sein schien, weil die Chinesen gerne Luxusfahrzeuge der Marken aus München oder Ingolstadt kauften, verliert deutlich an Fahrt. Bei BMW und Audi ging zuletzt der Absatz in China sogar zurück. Volkswagen verlor im ersten Halbjahr vier Prozent.

Viele Chinesen haben wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten inzwischen weniger Geld für neue Autos. Zudem haben viele chinesische Unternehmen selbst gelernt, Autos zu bauen und einen Grund für die schwächere Nachfrage kennen die deutschen Autohersteller aus ihren eigenen Städten: Die großen Ballungsräume des Landes sind schon gut mit Autos versorgt.

Auch andere Exportbranchen spüren die verringerte Wirtschaftsdynamik in China. Bei Siemens ist in der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres der Auftragseingang aus dem Land um etwa 16 Prozent zurückgegangen. Ein klares Krisenzeichen. Und Kurt Bock, Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF, der sogar ein eigenes Vorstandsmitglied in China hat, klagt vielsagend über "eine unerfreuliche Entwicklung" in den Schwellenländern. Damit meint er neben Russland vor allem die Volksrepublik.

China wird noch auf lange Zeit ein Wachstumsmarkt sein, der eines Tages die größte Volkswirtschaft der Welt werden wird. Aber die deutschen Konzernchefs tun gut daran, sich in Zukunft breiter aufzustellen. China allein hat in der Vergangenheit viele Schwächen in der heimischen Wirtschaft überdeckt. Die werden sich nicht mehr verstecken lassen, wenn das Riesenreich eines Tages dauerhaft zu den geringen Wachstumsraten übergeht, die in den etablierten Industrienationen schon lange üblich sind. Dann hat im internationalen Wettbewerb nur noch eine Chance auf eine führende Rolle, wer in allen großen Industrieregionen der Welt eine solide Marktposition hat.