Börsen weltweit Importierte Probleme

Öffnung der Börse am Montag in New York: Nach Kurseinbrüche sind die Händler in Aufruhr.

International sind die Finanzmärkte in Aufruhr: Die Währungsturbulenzen in Schwellenländern wie der Türkei oder Brasilien schwappen auf die Industriestaaten über. Das bedroht auch den Aufschwung in Deutschland.

Von Alexander Hagelüken und Markus Zydra

Ganz so leicht ist es dann doch nicht, an der Börse Geld zu verdienen. Was waren die einen Experten optimistisch in den ersten Januarwochen. Der Deutsche Aktienindex marschierte im Eiltempo Richtung 10.000 Punkte, doch bei knapp 9800 Zählern war plötzlich Schluss. Nun haben die anderen Experten Oberwasser, diejenigen, denen die flinke Hausse von vornherein verdächtig war.

Der Dax, aber auch die anderen europäischen und amerikanischen Börsen sind auf Talfahrt. Knapp fünf Prozent ging es zuletzt abwärts. Müssen sich Anleger Sorgen machen?

Grundsätzlich lehrt die Börsengeschichte, dass es im Laufe eines steilen Kursaufschwungs immer wieder Phasen gibt, in denen die Aktienpreise wieder leicht fallen. Die Experten sprechen dann von einer gesunden Erholung. Dieser Reflex mag zum jüngsten Kursrückgang beigetragen haben - er war allerdings nicht der Hauptgrund.

Wichtiger ist etwas anderes: Es gibt wieder Sorgen um die Aufschwungkraft der Weltwirtschaft. Vor allem die Schwellenländer, die in den vergangenen Jahren mit Wachstumsraten von sechs oder acht Prozent glänzten, geraten unter Druck. Manche von ihnen ganz gewaltig.

Viele Schwellenländer wachsen nicht mehr so stark

Chinesische Konjunkturdaten deuten auf schrumpfende Zuwachsraten in der Boom-Nation Nummer eins hin. Zudem könnte die amerikanische Notenbank Federal Reserve am Mittwoch ihre Geldzufuhr weiter absenken. Derzeit kauft die Fed monatlich noch Wertpapiere im Wert von 75 Milliarden Dollar. Eine Drosselung entspricht weniger Nachfrage. Das wiederum hebt die Renditen für amerikanische Staatsanleihen. Anleger ziehen daher verstärkt Kapital aus den als riskanter geltenden Wertpapieren der Schwellenländer ab.

Analysten zufolge flossen seit Jahresbeginn fast vier Milliarden Dollar aus diesen Staaten ab. Schwellenländer-Währungen wie der russische Rubel, der südafrikanische Rand, der brasilianische Real oder der mexikanische Peso haben daher an Wert verloren. Ihre Wechselkurse fielen teilweise auf den tiefsten Stand seit Jahren. Die türkische Lira und der argentinische Peso waren zeitweise sogar so billig wie nie zuvor. "Der Ausverkauf wird noch schlimmer, bevor es wieder besser wird", sagte Lorne Baring, Geschäftsführer von B Capital Wealth Management.

Der anhaltende Wertverlust der türkischen Lira hat nun die Zentralbank des Landes auf den Plan gerufen. Am Dienstagabend will sie in einer Dringlichkeitssitzung über Maßnahmen zur Stützung der Währung entscheiden. Die Bank trennt sich bereits seit Mitte 2013 in großem Umfang von ihren Währungsreserven. Damit konnte sie die Lira jedoch stets nur kurzfristig stabilisieren.

Viele Schwellenländer wachsen zur Zeit nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren. "Die Phase des außergewöhnlich hohen Wachstums mit durchschnittlichen Raten von bis zu acht Prozent ist vorbei", glaubt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Er erwartet in den nächsten Jahren eher ein durchschnittliches Wachstum von 4,5 Prozent. Das sei aber eine normale Entwicklung.

Nun rächen sich die Fehler der Vergangenheit

Turbulenzen müssen jedoch Länder aushalten, deren Saldo von Exporten, Importen und einigen weniger bedeutenden Größen negativ ist. Ein solches Defizit in der Leistungsbilanz erfordert ausländisches Kapital, das nicht so leicht zu bekommen ist, wenn anderswo die Zinsen steigen. Im Jahr 2007 hatten Asiens Boom-Staaten noch einen Überschuss der Leistungsbilanz von mehr als sechs Prozent, nun ist es nur noch ein Prozent.

Zum Vergleich: In der Asienkrise, die Ende der Neunziger Jahre sogenannte Tigerstaaten wie Indonesien, Südkorea und Thailand beutelte, betrug deren Defizit zwei Prozent. Der Unterschied ist nicht mehr groß. Und Südamerika drückt jetzt bereits ein Defizit von zwei Prozent. Krämer sieht dennoch keine neue Asienkrise, auch keine Krise der Schwellenländer. Allerdings blieben Gefahren, die Anleger im Auge behalten müssten.

Nun rächen sich die Fehler der Vergangenheit: Der Zufluss von ausländischem Kapital verlockte. Die Leistungsbilanzen verschlechterten sich, teils häuften die Länder Schulden an. Wirtschaftsreformen unterblieben. Und in mancherorts protestieren die Bürger gegen die Regierung. So wie in der Türkei, wo die Regierung wegen Korruptionsvorwürfen unter Druck steht.

Die Unruhen an den Märkten könnten der deutschen Industrie schaden

Die schlechte Stimmung in den Schwellenländern schwappt nun auf die Industriestaaten über. Noch Anfang vergangener Woche notierte der Dax nahe seines Allzeithochs. Dann folgte am Freitag der stärkste Tagesverlust seit Juni 2013. Am Montag veränderte sich das Barometer kaum.

Die Währungsturbulenzen in den Schwellenländern haben auch die Kreditkosten für finanzschwache Eurostaaten unter Druck gesetzt. Italien und Spanien müssen 0,3 Prozent mehr für einen zehnjährigen Kredit bezahlen - allerdings liegen die Refinanzierungskosten immer noch unter vier Prozent, so billig wie seit Ausbruch der Euro-Schuldenkrise nicht mehr.

Die Unruhen an den Devisenmärkten könnten der deutschen Industrie schaden. "Sie bergen mittelfristig eine Gefahr, die man im Auge behalten sollte", sagt Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe. "In den Auftragsbüchern spiegeln sich die Turbulenzen aber noch nicht wider. Die deutschen Unternehmen hat das bislang nicht beeindruckt." Der Ifo-Geschäftsklima-Index stieg im Januar auf den höchsten Stand seit Juli 2011. "Das spricht für ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent im ersten Quartal", sagte Wohlrabe. "Garant dafür ist die Industrie. Hier geht es in allen wichtigen Branchen nach oben." Impulse kämen vor allem aus den USA, die wieder erstarkt seien. "Und in Europa sehen wir zumindest Licht am Ende des Tunnels."