Bhutan Glück für die Welt

Bruttonationalglück als Alternative zum Bruttoinlandsprodukt - im Königreich Bhutan steht das Recht auf Glück in der Verfassung, der Staat misst es mit mit einem dicken Fragebogen. Kann die Welt von Bhutan lernen? Die Vereinten Nationen laden an diesem Montag zu einer Glücks-Konferenz.

Von Caroline Ischinger

Wie sehr genießen Sie Ihr Leben? Es gibt nicht viele Staaten, die ihren Bürgern solche Fragen stellen. Bhutan tut es. Mit einem dicken Fragebogen misst das Himalaya-Königreich sein "Bruttonationalglück", das seit dem Jahr 2008 als Ziel in der Verfassung verankert ist. Den Begriff hat in den siebziger Jahren der damalige König Jigme Singye Wangchuck geprägt - als Alternative zum Bruttoinlandsprodukt.

Nun macht das Entwicklungsland Bhutan sich auf, die Welt auf den Pfad des Glücks zu bringen. An diesem Montag lädt das Land bei den Vereinten Nationen in New York zu einem Spitzentreffen ein. Die Konferenz soll den Weg zu einer neuen Wirtschaftsordnung ebnen, in der Wohlbefinden im Fokus steht - nicht Wachstum.

Die Resonanz ist beachtlich: 600 Teilnehmer sind angekündigt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hält die Eröffnungsrede, Costa Ricas Präsidentin Laura Chinchilla gibt sich ebenso die Ehre wie Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und, per Videobotschaft, Prinz Charles. Aber was hat das Glückskonzept eines Himalaya-Staates mit weniger als einer Million Einwohnern der Welt zu bieten?

Welche Rolle spielt Glück in der europäischen Politik?

Das Bruttoinlandsglück des buddhistischen Landes umfasst neun Domänen, neben Gesundheit und Lebensstandard spielen auch spirituelle Bedürfnisse und die Verwendung von Zeit eine Rolle. Man könne das Konzept nicht zur Gänze nach Europa übertragen, sagt Christian Kroll, Mitglied eines britischen Expertengremiums zur Messung des nationalen Wohlstands. Doch auch Europäer, meint er, sollten systematischer fragen, welche Rolle das Glück der Bürger für die praktische Politik spielen könne.

"Entscheidend ist, dass Bhutan die Priorisierung des Bruttoinlandsprodukts in Frage stellt", sagt Johannes Hirata, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Osnabrück, der zur UN-Konferenz reist. Das BIP, da sind sich viele Ökonomen und Politiker einig, reicht nicht mehr aus als Gradmesser für Lebensqualität. Immer mehr Länder haben sich auf die Suche nach neuen Maßstäben gemacht. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy beauftragte zwei Nobelpreisträger, in Großbritannien entstand eine Initiative zur Vermessung des Wohlstands, im Bundestag befasst sich eine Enquete-Kommission mit dem Thema.

Bhutan will neues Wirtschaftsmodell präsentieren

Alternative Indizes gibt es schon. Die Vereinten Nationen haben den Human Development Index, die OECD verwendet den Better Life Index, aus Ökologen-Sicht bietet sich der Happy Planet Index an. Seit Jahrzehnten diskutiert die Welt über die "Grenzen des Wachstums" - umso erstaunlicher, dass es der Initiative Bhutans bedarf, um eine globale Bewegung anzuzetteln, die stärker auf Nachhaltigkeit und Wohlbefinden setzen soll. Beim Weltgipfel Rio +20 im Juni will Bhutan ein neues Wirtschaftsmodell präsentieren.

Ganz neu ist das Streben nach Glück als politische Maxime allerdings nicht, schon die US-Unabhängigkeitserklärung nannte es ein unveräußerliches Recht. Eine Weltformel des Glücks werde bei den Vereinten Nationen nicht aufgestellt, sagt Forscher Kroll. Es sei "eine Veranstaltung, die eine politische Bewegung generieren soll". Wirtschaftsethiker Hirata will dafür werben, dass ein Bekenntnis zu demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien nicht fehlt - vor dem Hintergrund mancher Befürchtungen, Staaten könnten das Glück ihren Bürgern verordnen wollen. Das Treffen könne ein Schritt hin zu Veränderungen sein, sagt Hirata: "Damit wäre ich schon ganz zufrieden."