Bankenkrise In Deutschland sterben die Bankfilialen

In Deutschland schlossen 2016 etwa 2000 Bankfilialen, etwa die Häfte davon waren Sparkassen.

(Foto: dpa)
  • In Deutschland schließen immer mehr Bankfilialen. Allein im vergangenen Jahr waren es etwa 2000 Zweigstellen.
  • Für die Kunden bedeutet das oft weitere Wege. Die Gemeinden fürchten den Leerstand, viele Immobilien können kaum weitervermietet werden.
Von Harald Freiberger, Benedikt Müller und Stephan Radomsky

Bünde hat eigentlich alles, was man so braucht: Ein Kino, eine zentrale Einkaufsstraße, sogar ein Zigarrenmuseum besitzt die ostwestfälische Stadt mit ihren 47 000 Einwohnern. Was Bünde seit Kurzem allerdings nicht mehr hat, ist eine Filiale der Deutschen Bank. Dafür steht nun ein großes Ladenlokal direkt in der Fußgängerzone leer. Und nur ein paar Hundert Meter die Straße hinunter will sich demnächst auch die lokale Sparkasse deutlich verkleinern.

Wie in Bünde sieht es derzeit überall in Deutschland aus. Das seit Jahren anhaltende Sterben der Bankfilialen hat sich im vergangenen Jahr immens beschleunigt: Mehr als 2000 Zweigstellen machten 2016 nach Daten der Bundesbank dicht. Knapp die Hälfte davon waren Sparkassen, deutschlandweit schlossen sie innerhalb von nur zwölf Monaten mehr als 900 Filialen - fast jeden zwölften Standort. Die Genossenschaftsbanken dünnten ihr Netz zugleich um 666 Filialen aus, die Privatbanken um mehr als 280. Sie hatten allerdings schon früher damit begonnen, im großen Stil Standorte zu schließen.

Automatisch teuer

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Bünde hat es erst vor ein paar Wochen getroffen, im April ist die Deutsche Bank an der Bahnhofstraße ausgezogen. Das ärgert vor allem Firmenkunden, die nun 15 Kilometer zu ihrer Bank nach Herford fahren müssen. Und auch die Gemeinde ist nicht glücklich. "Wir haben schon einigen Leerstand hier, und das macht uns auch Sorgen", sagt Bürgermeister Wolfgang Koch. Es sei zwar in Bünde nicht so schlimm wie anderswo, nun sind aber eben noch einmal 320 Quadratmeter in bester Lage zusätzlich frei.

Kochs Problem teilen Hunderte Kommunen - und etliche mehr wird es noch treffen. Denn insgesamt hat sich die Zahl der Bankniederlassungen in Deutschland seit den Neunzigerjahren zwar halbiert, erst langsam, dann immer schneller. Trotzdem gilt Deutschland unter Beobachtern im Vergleich zu anderen Ländern noch immer als überversorgt mit Banken und Filialen. Hauptgrund dafür ist das dreigliedrige Bankensystem: Neben den privaten Instituten spielt die Vielzahl der jeweils eigenständig geführten Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken vor allem auf dem Land eine wichtige Rolle - sie pflegen dort eine leidenschaftliche Rivalität. In Zeiten hoher Zinsen konnten sich die Institute die teuren Standorte leisten.

Inzwischen aber treffen gleich zwei negative Trends die Finanzbranche mit voller Wucht: Einerseits machen die Institute in der anhaltenden Niedrigzins-Phase längst nicht mehr so viel Gewinn wie früher, zugleich erledigen viele Kunden ihre Bankgeschäfte inzwischen zunehmend digital. In der Filiale kommen sie dann oft nur noch zum Geldabheben vorbei - wenn überhaupt: Der Durchschnittskunde ist nur noch einmal im Jahr am Schalter, rechnen Bayerns Sparkassen vor. Aber er macht 108 Geschäfte online.

Schon heute suchen deshalb viele Banken Käufer für ihre eigenen Immobilien, Vermieter bangen um langjährige Kunden. "Und es werden sicher weiter Filialen geschlossen werden", sagt Nils Beier von der Unternehmensberatung Accenture. Der Kostendruck werde nicht nachlassen. Ganz ohne Standorte in den Städten werde es zwar wohl auch langfristig nicht gehen, dauerhaft werde es aber auf eine Mischung von digital und lokal hinauslaufen: Die meisten Bankgeschäfte laufen online, für besonders wichtige oder komplizierte Dienstleistungen fahre der Kunde dann eben einige Kilometer. "Die Filialen, die übrig bleiben, werden damit neue Aufgaben übernehmen."

SZ-Grafik; Quelle: Bundesbank

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Dafür sind viele der Banken-Immobilien bereits zu groß. Bei der Kreissparkasse aus dem oberbayerischen Miesbach beispielsweise, die sich noch um die Jahrtausendwende in der Gemeinde Hausham eine repräsentative Niederlassung baute. Nun aber muss die Bank sparen - zu ihrem Glück war die Gemeinde mit ihrem Rathaus nicht mehr zufrieden. "Es stand eine teure Sanierung an, das größte Problem aber war, dass das Rathaus nicht barrierefrei ist", sagt Haushams Bürgermeister Jens Zangenfeind. Er ging auf den Sparkassen-Chef zu, man wurde sich einig: Die Gemeinde übernimmt nun die Filiale und baut sie um. Bedingung war aber, dass die Sparkasse in Hausham präsent bleibt. Sie zieht nun in ein wesentlich kleineres Gebäude um.

Dass die Bank zum Rathaus umgewandelt wird, kommt auch in anderen Orten vor: Im brandenburgischen Rathenow etwa wird gerade ein denkmalgeschütztes Haus umgebaut, das einst der Dresdner Bank als Filiale diente. Und im schwäbischen Osterberg soll der Bürgermeister demnächst in die ehemalige Raiffeisenbank in der Ortsmitte umziehen.

Es muss aber keineswegs immer die öffentliche Hand sein, die den Leerstand auffüllt. "In städtischen Handelslagen kann es gut funktionieren, frühere Bankfilialen umzuwidmen", sagt etwa Joachim Stumpf. Der Geschäftsführer der BBE-Handelsberatung hilft Unternehmen und Kommunen dabei, Gewerberäume neu zu nutzen. Da sich große Institute einst in sehr zentralen Lagen niedergelassen haben, bieten sich dort oft viele Möglichkeiten: Apotheken und Buchhändler, Backstuben und Cafés öffnen, wo sich die Banken zurückziehen. Auch Bestattungsinstitute nutzen die Räume gern oder, wie in Ulm, auch eine Theaterbühne.

Ältere Banken sind sehr spezielle Immobilien - oft mit einem Tresor als Keller

Manche Eigentümer bauen alte Bankfilialen auch zu Wohnungen um. Das aber ist oft nicht ganz einfach, denn gerade ältere Banken sind sehr spezielle Immobilien - vor allem unter der Erde. In vielen Fällen besteht der Keller dann ausschließlich aus Tresorräumen, die nur schwer umgebaut und praktisch gar nicht abgerissen werden können. "Diese Räume umzuwidmen, ist schwierig", sagt Berater Stumpf. Je nach Mietvertrag muss entweder die Bank oder der Vermieter die Geldspeicher ausbauen - eine teure Aufgabe, um die sich vor Jahrzehnten, beim Abschluss des Mietvertrages, niemand Gedanken gemacht hat.

Für die ehemalige Deutsche Bank in Bünde sucht jetzt Klaus Hennings-Huep einen Nachmieter. Der Immobilienverwalter hat einige interessierte Händler; vielleicht zieht auch ein Gastronom an die Bahnhofstraße 7. So oder so: Keiner von ihnen wird eine so hohe Bonität mitbringen wie der alte Mieter. Und vermutlich wird auch keiner eine annähernd so hohe Miete zahlen in einer Stadt wie Bünde - Fußgängerzone hin oder her. "Da müssen manche Vermieter in den sauren Apfel beißen", sagt Hennings-Huep gelassen. Gerade in kleineren Orten haben die Vermieter meist einfach nicht die Auswahl. Doch angesichts der Stadtlage glaubt der Verwalter, dass er bald fündig wird. "Über kurz oder lang wird sich niemand daran erinnern, dass die Deutsche Bank hier mal drin war."

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